Sein größter Feind – Richard Ashcroft

Man muss mit Kritik auch umgehen können! Ein Mesut Özil muss es sich gefallen lassen, dass seine Körpersprache auf dem Fußballplatz gerügt wird. Gerne und oft von „Fans“, die den Stinkefinger heben. Auch ein Musiker muss harte Worte aushalten. Von Hörern, deren einzige Befähigung in zwei intakten Ohren – Glückwunsch! – und einer mehr oder minder großen Plattensammlung besteht. Diese Voraussetzungen langen, um Melodien durch den Kakao zu ziehen oder Songtexte mangelnde Tiefe vorzuwerfen. Eine Kunst des Erfolgs besteht auf alle Fälle darin, Kritik nicht unter die Haut gehen zu lassen. Richard Ashcroft scheint damit so seine Probleme zu haben. Während kaum jemand bestreiten wird, dass er mit seiner Band The Verve den Britpop der Neunziger entscheidend mitgeprägt hat, sind seine seitdem veröffentlichen Solowerke nicht besonders gut angekommen. Nun kann man ja auf Feuilleton und Musikpresse unterschiedlich reagieren. Sie vielleicht nicht mal ignorieren, sie mit einem müden Lächeln abtun – oder aber meinen, es allen zeigen zu müssen. Das neue Album These People wird von letzterer Motivation angetrieben. Ein Fehler!

Ashcroft wurde United Nations of Sound von 2011 derart durch den Kakao gezogen, dass er sich wohl auf Beratungsresistenz versteift hat. Eigentlich hat der Bombast des letzten Albums nach gute Ergebnisse gezeitigt, wäre er nur konsequent weitergeführt worden. Stattdessen wartet Ashcroft stellenweise mit Dance-Beats auf, die vermutlich völlig hip gemeint sind, allerdings eher nach dem Beitrag Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest 2017 anmuten. Der werte Herr macht den Fehler, den alle machen, die am Puls der Zeit sein wollen. Aufgedrehte Streicher für die Emotion und Eurodisco zum Abhotten sind leider das exakte Gegenteil, darüberhinaus ein gefundenes Fresser für Kritiker. Die guten Momente des Opener Out Of My Body finden genau dann statt, wenn der Song auf Gitarre und Gesang zurückfällt. Vier Personen sind in den Credits fürs Programming aufgeführt, darunter auch der bekannte Mirwais Ahmadzaï. So sehr diese Plastikekstase auch für eine auf Diva getrimmte Hochglanzhupfdohle aus Baku prädestiniert scheint, so unpassend und auch textlich oberflächlich lässt es sich für einen Mittvierziger an. Ashcroft kommt über eine starke Stimme, die in Balladen das imaginäre Gegenüber streichelt und bei Hymnen mit weltschmerzigem Schmelz punktet. Zu Tode produzierter Über-Pop steht ihm nicht zu Gesicht. Was er wirklich drauf hat, tritt beim zweiten Song zutage. This Is How It Feels zeigt Ashcroft in veritabler Bestform! Der Refrain „She went down straight through my veins/ Now I’m back home again/ I’ve been waiting for/ The sun to come again“ geht durch ein Tal der Tränen und Schwierigkeiten, um den Neubeginn zu wagen. Der majestätische Pathos funktioniert viel, viel besser, wenn der Sound nach handgemachten Britpop riecht und nicht nach Trash vom Band, wenn Ashcrofts Stimme schwelgen kann und keinen Beats hinterherhecheln muss. Die von Wil Malone beigesteuerten Streicher-Arrangements kennt man bereits von The Verve, ihnen schadet ebenfalls nicht, wenn sie sich nicht gegen den Soundbrei zu stemmen haben. Licht und Schatten durchfluten die beiden ersten Stück von These People – wie auch den Rest des Albums. Der Midtempo-Stampfer Hold On birgt nette, nicht eben im Gedächtnis anhaftende Beschallungsmusik, während der Titeltrack These People sich dadurch abhebt, dass Ashcroft mit zugegeben schmalzigen Liebeserklärungen wie „Imagine my life without your morning smile/ Your look of love that says ‘stay awhile’“ brilliert. Gewisse Sänger strahlen, sobald sie sich durch Liebe und Leben schmeicheln und leiden. Könnte sich Ashcroft dazu bekennen, wäre vielen Kritikern der Wind aus den Segeln genommen. So jedoch verharrt er oft in der Märtyrerrolle, die ihn davon abhält, das zu tun, was er auf unnachahmliche Weise beherrscht. Sobald er sich jedoch auf frühere Glanzlichter und seine eigentliche Kernkompetenz besinnt, nicht jung und knackig und irgendwie noch relevant sein will, gewinnt die Platte ungemein. Picture Of You kommt ohne Synthie-Schnickschnack daher, vielmehr wird ohne Wumms – eher schon verhalten – elegischer Britpop zelebriert. Black Lines ist noch so ein Lichtblick. Eine symphonisch aufgebrezelte, zeitlose Wonne, die ganze Konzerthallen gleichzeitig zu Feuerzeugen und Taschentüchern greifen lässt. Ashcroft beherrscht die große Geste der Ratlosigkeit, jene mit Anflügen von Traurigkeit gefütterte Ergriffenheit, die sich keinen rechten Reim auf Welt und Glück machen kann. Doch auf solch gelungene Tracks folgt mit Ain’t The Future So Bright ein Song voll fragwürdiger Einfälle. Warum hat ihn niemand davongehalten, seine Stimme mit Effekten zu belegen oder in den Sprechgesang zu wechseln?

Wenn die Musikkritik in einem Punkt richtig liegt, dann in dem, dass Richard Ashcrofts größter Feind eigentlich Richard Ashcroft heißt. Er könnte locker zur Riege derer zählen, die den Banderfolg für die ganz große Solokarriere nutzen konnten. Er hätte sämliche Qualitäten, um mit einem Morrissey oder Jarvis Cocker in einer Liga zu spielen, wenn er der Musikwelt nichts beweisen wollen würde. Als Verfechter einer Romantik des Zweifels taugt er zum Sinnbild einer Generation, die himmelhoch jauchzend im Umgefähren schmort. Denn seine Liebeserklärungen wirken erkämpft, alle Großspurigkeit immer auch von Unsicherheit genährt. Er könnte zwischen dem moralisierenden Nihilisten Thom Yorke, einem Zappelphilipp wie Chris Martin und dem ewigen Rabauken Noel Gallagher seinen Platz in der britischen Musikgeschichte finden. These People belegt, dass es dazu lediglich zweier Maßnahmen bedarf: Ashcroft sollte dem Mobbing der Musikjournalisten gelassen gegenüberstehen – und sich einen Produzenten suchen, der ihn hin und wieder vor sich selbst schützt. Das nämlich ist seinem Langzeitkollaborateur Chris Potter dieses Mal leider nicht immer gelungen!

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These People ist am 20.05.2016 auf Righteous Phonographic Association via Cooking Vinyl erschienen.

Links:

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SomeVapourTrails

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