Ein Frage der Attitüde – 50FOOTWAVE

Hmm, habe ich in all den Jahren des Bestehens dieses Blogs tatsächlich noch nie ein Wort über Kristin Hersh verloren? Asche auf mein Haupt. Denn ihre Soloalben der Neunziger habe ich sehr gemocht, ihrem Wirken bei den Throwing Muses dagegen seltsamerweise immer zu wenig Beachtung geschenkt. Hersh ist ohne Zweifel eine der interessanteren Indie-Gestalten der vergangenen Jahrzehnte. So interessant sogar, dass ein würdigendes Porträt sicher lohnen würde. Dieser Tage, in Zeiten des Fussballs, müssen es einige Zeilen zur neuen EP ihres Projekts 50FOOTWAVE tun. Die sechs Songs der EP Bath White stehen in bester, griffiger Alternative-Rock-Tradition, verkörpern alles, was Female-Fronted-Rock so attraktiv macht. 50Footwave gehen es geradezu puristisch an, Hersh ist für Gitarre und Gesang zuständig, Bernard Georges für den Bass und Rob Ahlers fürs Schlagzeug. Das Trio holt aus dieser kompakten Instrumentierung einen ungemein satten, an die Hochblüte der Neunziger erinnernden Alternative-Sound heraus. Die Texte speien oft eine nach Veränderung gierende Unzufriedenheit aus. Solch rohe, kompromisslose Attitüde hätte zumindest ich nicht unbedingt von einer Band erwartet, deren Frontfrau in wenigen Wochen 50 Jahre alt wird. Wie gut, wenn man sich nicht vom eigenen biologischen Alter zur Räson bringen lässt.

Bereits im Titeltrack Bath White treten die genannten Qualitäten hervor, Hershs Gesang punktet mit einer heiseren Helle, für die jüngere Semester über Leichen gehen würden. Mehrmals peitscht sich das Lied hoch, besticht durch häufige Veränderung von Rhythmen und Stimmungen. Was bei vielen Bands als auf knackige vier Minuten komprimiertes Medley einer gesamten Karriere durchgehen könnte, bieten 50FOOTWAVE in einem einzigen Lied. Speziell in den letzten 60 Sekunden darf man die Ohren voll Verzückung spitzen! God’s Not A Dick kommt zunächst nervös bis aufgekratzt daher, doch statt im weiteren Verlauf in einen Happy-go-lucky-Song zu kippen, folgt ein Finale mit Hard-Rock-Anstrich. Human überschlägt sich als von Abhängigkeit gezeichnete Amour fou, Ahlers trommelt sich die Seele aus dem Leib, Hersh sprudelt die Worte derart schnell hervor, dass für Gesang gar keine Zeit mehr zu bleiben scheint. Als Highlight dieses sowieso famosen Meisterwerks kristallisiert sich St. Christopher mit einer Mischung aus Rambazamba und schwelgerisch-melodischer Gitarrenschwere heraus. Veruca Salt im Verbund mit einer quirligen Punk-Rock-Formation, so meine Assoziation. Die Lyrics „We can fool around/ Fight off the smell of doom/ You smell like cold and dry leaves/ Leaving is hardest on hookworm sidewalks/ Just snow static on the crap TV/ Fluorescent exposure/ A gold grin told her christ’s not saving the weak/ I wanna go faster/ I wanna go farther from home“ sind in ihrem Drang nach Flucht und Ausbruch von jugendlicher Rebellion durchdrungen, spiegeln das bisweilen slackerhaftes Lebensgefühl der Generation X wider. Auch das letzte Lied der EP, Sun Salute nämlich, trommelfeuert einmal mehr drauflos, holt danach Luft, verliert sich in der Betrachtung („The air is burnt/ The ground is blue„), ehe es abermals losfetzt. Jenes Variieren von Tempo und Intensität sowie der wechselnde Fokus auf Rhythmus oder Melodie geraten selten so prägnant wie auf vorliegenden EP.

Atemlosigkeit und zwischenzeitliches tiefes Luftholen sind die zwei Energiezustände, die Bath White ausmachen. Die Musik gerät zum Dynamo, der Kristin Hersh Gesang immer und immer wieder ankurbelt. 50FOOTWAVE bescheren uns achtzehneinhalb Minuten gewitzten Alternative Rock voller Drive. Sie unterstreichen weiters, dass man keineswegs zum alten Eisen gehören muss, wenn man die Neunziger als Musiker miterlebt hat. Relevanz ist nämlich immer eine Frage der Attitüde, nicht des Alters. Ich bin beeindruckt!

bath_white_cover

Bath White ist am 27.05.2016 auf HHBTM Records erschienen.

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