Großstädtische Liebesgespinste – Andrew Butler

Einen Troubadour mit Vorliebe für melancholische bis moribunde Klänge möchte ich den werten Lesern heute ganz besonders ans Herz legen. Im vergangenen Herbst hatte ich den Briten Andrew Butler bereits hier vorgestellt, im Februar nochmals auf einen gradiosen neuen Song hingewiesen, nun endlich gilt es, sein Debütalbum Chalk ausgiebig zu würdigen. Butler besticht als distinguierter Singer-Songwriter, der großstädtische Liebesgespinste, viktorianische Schauermärchen und kammerspielhafte Wehmut zu einer in wirklich jeder Hinsicht famosen Platte formt. Chalk verbindet die poetische Erzählkraft eines Leonard Cohen mit den scheiternden Lebemännern eines frühen Tom Waits. Der Vortrag gestaltet sich mindestens so zärtlich wie vornehm, die Musik stellt sich als edler Folk dar. Doch genug der Vorrede, schauen wir uns das Album einfach näher an!

Press Shot 2 Credit_ Joe Warren
Photo Credit: Joe Warren

Manchmal sagt eine Strophe mehr über ein Album aus als alle Versuche der Beschreibung. Und genau diesen Eindruck habe ich von der zweiten Strophe des Openers Love Is A Record. „Glass of wine/ Are you half empty/ Or half full/ ‘Cause I’ve had too much/ And fallen off my stool/ Oh but from the floor/ I can finally see things clear/ While the room it spins/ So do you my dear/ Oh spinning and dancing/ Your way around my heart“ croont Butler betrunken liebestrunken. Solch ironisch-larmoyante Art des Vortrags begeistert als eine Facette der Platte. Bei Love Is A Record erleben wir eine gestrauchelte Minne im Zustand der Wehmut und Weinseligkeit, noch ehe Verbitterung einsetzt. Ein wirklich famoser Auftakt eines grandiosen Albums! Auch der Titeltrack Chalk begegnet der Liebe, erlebt sie voll Staunen, nur um letztlich loslassen zu müssen. Dieses Mal ist es der Refrain „Ballerina/ Why walk away/ When you can pirouette/ Ballerina/ Fading in the sun/ Your dancing silhouette„, der in um den Finger wickelt. Butler verfügt über einen ausgesprochenen beiläufigen, herrlichen erzählenden Vortrag, der von einer zärtlichen bis vollen Stimme in verschiedensten Nuancen ausgestaltet wird. Nüchtern und bedeutungsschwer zugleich präsentiert sich Mainfour, welches in bester britischer Folk-Tradition steht, dabei stärker auf Gitarre und Gesang fokussiert als die anderen Lieder ist. Auch diesmal zahlt es sich aus, sich eine Strophe zu Gemüte zu führen. Die Zeilen „You stumble through the door/ And you throw off your coat/ And lying on the floor/ Her suicide note/ You recite every word/ ‘Til they form a lump/ In your throat/ But for some reason/ You do not cry“ könnten in ihrer prägnanten Beschreibung einer Szenerie kaum besser ausfallen. Während Emotion sonst oft fingerdick mit Schwulst bestrichen wird, wirken Butlers Dramen echt und ungekünstelt. Und dem von ihm beschriebenen Liebesglück liegt immer eine gewisse Flüchtigkeit inne, wo Liebe sonst mindestens bis in alle Ewigkeit beschworen wird, vermag Chalk zu vermitteln, dass ihre Kostbarkeit vor allem in ihrer Zerbrechlichkeit besteht. Fiona verbindet zeitlose Pop-Melodie mit bardenhaftem Folk-Gesang, erzählt vom Taumel einer Liebe sowie vom Versprechen, ein gebrochenes Herz zusammenzuflicken: „If you have a heavy heart/ I’ll make it light as a feather/ And if it’s been ripped apart/ Well I’ll stitch it back together„. Man möge mich nicht missverstehen, Butler ist zu keinem Zeitpunkt ein weichgespülter Sänger oder schmachtender Frauenversteher. Von denen gibt es ohnehin schon genügend. Empire Of Love ist vielleicht das geeigneste Lied, um nochmals mit Nachdruck Leonard Cohen zu erwähnen. Die Melodie gleicht einem getragenem Tanz aus einer Spieluhr, fällt pittoresk aus, während Butler poetische Bilder deklamiert. Stark! Wir sind jetzt gerade erst bei der Hälfte von Chalk angekommen, bereits könnte man mit einem schlichtes „Herausragend!“ als Fazit enden. Doch hat auch der zweite Teil großartige Lieder im Köcher. So zum Beispiel Queen Of The Barflies, das vom Wunsch nach Vergessen im whiskeyschwangeren Ambiente einer Bar erzählt. Und nochmals muss ich auf Lyrics wie „Dancing by the jukebox/ With a lover in her head/ It was closing time/ She downed my drink/ And I knew chivalry was dead/ When she said “Your place or mine?”“ verweisen, die ungemein pointiert ausfallen. So tönt ein Song, dessen Protagonisten Einsamkeit und Verlierertum nur mühsam kaschieren. Diesem Track folgt The Prophet, dessen Düsterkeit aus einem anderen Holz geschnitzt ist. Es mutet wie ein archaisches und diabolisches Folkmärchen von Verführung und Abhängigkeit an! Im Pressetext zu diesem Album nennt der aufstrebende Londoner auch einen Nick Cave als Vorbild. Bei einem Stück wie The Prophet ist diese Inspiration nicht zu überhören, auch Deadly Muse besitzt einen ähnlichen Zungenschlag. Sich dies zu trauen, speziell auf einem Debüt, zeugt von Größenwahn – oder Begabung. Bei Butler ist es ohne Zweifel letzteres. Ein Lied möchte ich den werten Lesern noch besonders empfehlen, ehe ich allmählich zum Ende dieser Zeilen komme. Ballad Of Us präsentiert sich als Romantik für Fortgeschrittene mit einem Text zum Niederknien. Wirklich! „Remember the room/ The sound that we made/ Our bodies conducted/ A sweet serenade/ And we played to the rhythms/ Of heartbeats in the dark/ And the ghosts of composers/ From Beethoven to Bach/ All listened in awe/ To our symphony“ beschreibt Intimität mit einer Poesie und Eleganz, wie man dies selten vernimmt.

Andrew Butlers Gesang imponiert mit einer zärtliche Helle, ist zugleich von feinen Runzeln durchwoben. Es ist eine charaktervolle Stimme, wie man sie sich nicht besser ausdenken könnte. Sie ergänzt dieses makellose, in vielen Details begeisternde Songwriting. Der Chamber Folk von Chalk scheint in jeglicher Hinsicht perfekt ausgestaltet, sei es durch eine mal da auftauchende Harfe oder ein mal dort hervortretendes Akkordeon oder die öfter ins Ohr schleichende edle Bratsche. Ich wiederhole mich wirklich gern: Dem werten Andrew Butler ist ein tolles Debüt gelungen. Sich in dieses Album nicht mit Haut und Haar zu verlieben, übersteigt meine Vorstellungskraft. Welch Platte zum Entdecken, Staunen und Genießen!

Chalk Album Cover Credit_ Helen Masacz

Chalk ist am 20.06.2016 erschienen.

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