Poesie abseits von Je t’aime – Radio Elvis

Wenn sich eine Band nach EPs, die ich freudig goutiert habe, endlich an ein Debütalbum wagt, bange ich manchmal ein wenig, ob es denn auch klappt. Eine EP mit ungefähr 15 Minuten Spielzeit ist leichter zu fabrizieren als eine Platte, die schon auf 45 Minuten und mehr kommen sollte. Nun könnte man natürlich auf die grandiose Idee kommen, den Erstling als Best-of bereits veröffentlichter EPs zu konzipieren. Ob man damit allerdings Fans der bisherigen EPs einen großen Gefallen tut? Vielleicht haben solche Gedanken die Entstehung des Albums Les Conquêtes geprägt. Für die französische Formation Radio Elvis habe in den vergangenen 12 Monaten nur Lobeshymnen übrig gehabt und den Song Goliath sogar zu meinem Lieblingslied des Jahres 2015 gekürt. Gerade deshalb war ich doch einigermaßen überrascht, dass sich besagtes Goliath nun nicht auf dem Debütalbum wiederfindet. Vermutlich wollte die Band das Best-of-Szenario vermeiden. Les Conquêtes offeriert stattdessen überwiegend neue, unverbrauchte Lieder. Und tut dies verblüffend unaufgeregt. Man kennt das ja, dass die Ambition, die sich bei einem Debüt aufgestaut hat, oft nur bedingt mit dem Resultat korreliert. Nicht so bei diesen doch sehr abgeklärt wirkenden Franzosen! Ich zumindest habe bei dieser Platte nie das Gefühl, dass Radio Elvis Hits mit der Brechstange fabrizieren wollen. Eher neigen sie zu Understatement, sofern dies bei diesem in Sound, Darbietung und Optik markanten Mix aus Chanson, Pop und Indie-Rock denn möglich ist.

Schon im Februar habe ich bei der Ankündigung des Albums die Qualitäten der Formation herausgearbeitet. Der Sänger Pierre Guénard sieht dank Brille und Ohrring wie ein Nerd aus der Provinz aus, den nur die Gnade der späten Geburt von seiner Aufmachung freispricht. Seine Visage hat noch dazu etwas milchbubihaftes. Doch spätestens wenn er zu singen beginnt, weichen äußerliche Irritationen. Weil dann gesangliche beginnen. Denn diese Stimme scheint zunächst zu fein für Pop, zu weich für Indie-Rock und zu jugendlich für das große Chanson. Doch die Chose klappt, wunderbar sogar. Zusammen mit Manu Ralambo (Bass, Gitarre) und Colin Russeil (Schlagzeug, Keyboard) bildet Guénard ein Trio, das einen mal versunkenen, oft grüblerisch-poetischen, mitunter pointierten Ton pflegt. Gleich zu Beginn des Albums fällt der agitierte Indie-Rock von Bleu nuit / Synesthésie auf. Das Lied zählt zu den robusteren Stücken, muss sich hinsichtlich der Intensität nicht vor britischen Vorbildern verstecken. Solarium tönt ungefähr so wie Coldplay klängen, wenn sie auf Französisch singen würden, im Sound weniger auf Stadiengejodel fokussiert und dafür mehr sophisticated wären und Chris Martin als Sänger längst in Wüste geschickt hätten. Als echtes Highlight entpuppt sich Les moissons samt dazugehörigem Video. Wie sich eine im Rock beheimatete Gruppe die gewisse Electro-Pop-Leichtigkeit aneignet, im Clip eine Line-Dance-Formation zum Tanz bittet, imponiert mir sehr. In einer besseren Welt könnte Les moissons zum Chartshit taugen! Feierliche Bedeutungsschwere, speziell im Instrumentalteil – umrankt Juste avant la ruée, dessen einziger Schwachpunkt darin liegt, dass es gerade einmal drei Minuten dauert, obwohl es die doppelte Länge gut vertragen hätte. Trotz vorhandener Sprachbarrieren vermag man aus den Zeilen „Juste avant la ruée, la rage est l’ornement de nos cris, car nos voix ne suffisent pas à dérouter les géants, la fièvre et la folie soulèvent à elles seules des légions de soupirs“ poetische Wucht und Dramatik herauszufiltern. So sehr Radio Elvis mein eingerostetes Schulfranzösisch auch strapazieren, so lohnend deutet sich das Unterfangen an. Die Band verwendet in den Texten Worte, deren deutsche Entsprechung meinen Wortschatz auf die Probe stellt. Der Titel Caravansérail beispielsweise meint auf Deutsch eine Ka­ra­wan­se­rei, laut Duden ein Raststation entlang einer Karawanenstraße. Diese Exotik ist keineswegs zufällig, immer wieder imaginiert sich die Band in die Ferne. Ob Mexiko, Pompeji oder Brasilien, dieses Album schweift durch Zeit und Raum. Wie auch das Chanson Passé, le fleuve, das eher ruhig und westernhaft anmutet, den Rock der meisten Stücke hinter sich lässt. Spirituell und archaisch geraten Au loin les pyramides und Par les ruines, die von weit Pyramiden erspähen oder durch Tempelruinen spazieren. Besonders der zweite Teil des Albums traumwandelt durch mythische Unwirklichkeit. Auf diese Weise endet die Platte auch mit dem aus zwei Teilen bestehenden, fast 14 Minuten dauernden Au large du Brésil / Le Continent. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier im Tagebuch eines Entdeckers ferner Länder geblättert wird. Während der erste Teil noch irrlichtert, mehr Ambient-Collage denn Songsstruktur anbietet, gleicht die zweite Hälfte einem finalen Medley, bei dem Radio Elvis nochmals alle Stile pflegen. Majestätisch-melodischer Indie-Rock umrahmt Passagen voll fiebriger Unruhe und einen Chansonteil, der einzig auf Guénards stimmliche Ausdruckskraft setzt.

Radio Elvis stehen noch am Anfang einer hoffentlich langen Karriere. Mit ihrem Erstling Les Conquêtes unterstreichen sie jedoch bereits eine ganz eigene Identität, die sich in so einigen Punkten von anderen Bands unterscheidet. Ihr exzentrischer Chic wirkt kunstvoll statt künstlich, ihre Texte weichen stark vom üblichen Liebesgesäusel oder den vielfach ungefähren Psychogrammen ab, die Bandbreite ihrer Musik reicht von euphorischem Britpop bis hin zu spartanischer Melodik in chansonesquer Manier. Frontmann Guénard mag wie ein Nerd aussehen, doch steckt hinter der Fassade ein faszinierender Erzähler mit charakteristischer Stimme und eindringlicher Fantasie. Radio Elvis bilden die Spitze der Phalanx aufstrebender Indie-Bands, die im vergangenen Jahr äußerst triftige Argumente für eine internationale Renaissance französischer Musik liefern. Wer Les Conquêtes das Ohr leiht, wird dieser Hoffnung sicher gerne zustimmen. Denn der Charme jener Sprache beschränkt sich wirklich nicht auf laszives Gesäusel. Radio Elvis bescheren uns Poesie abseits vom altbekannten Je t’aime!

lesconquêtes_cover

Les Conquêtes ist am 01.04.2016 auf PIAS France erschienen.

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