Schatzkästchen 63: Blonde Redhead – Dripping

Erotik hat heutzutage keinen leichten Stand. Vielen ist sie zu hintergründig. Erotik beginnt, wo Sexualität kunstvoll zur Schau gestellt wird. Die Betonung liegt hierbei auf kunstvoll. Pornografie dagegen hält einfach drauf. Die gegenwärtige Aufgeregtheit ist jedoch Gift für Erotik, weil sie zwischen die Fronten gerät. Da wären einerseits die neuen Sittenwächter wie Facebook zu nennen, da wäre andererseits ein neuer Feminismus, der hinter jeder Form weiblicher Nacktheit gleich abgrundtiefen Sexismus vermutet. Natürlich bricht sich Erotik immer wieder mal Bahn, zumindest das, was als Erotik so durchgeht. 50 Shades of Grey etwa wurde vom im Verborgenen konsumierten Groschenroman zu einem Ereignis der Gegenwartskultur. Vielleicht auch wegen der ironischen Brechung der Rezeption. Denn eigentlich verhält es sich mit dem Lesen des Buchs wie mit dem Gaffen bei einem Verkehrsunfall. Man tut es und zimmert sich danach eine alberne Rechtfertigung zusammen. Im Pop sind es beispielsweise Rihanna oder Lady Gaga, die eine selbstbestimmte, männlichen Fantasien trotzende Erotik zelebrieren. Bei einer Peaches dagegen, die Nacktheit wirklich nicht scheut, erwächst jene zur Verstörung. Erotik kann also mehr als nur genüsslicher Sinneskitzel sein. Doch wie komme ich überhaupt auf das Thema? Die Formation Blonde Redhead bringt es aufs Tapet. Auch wenn ihr letztes Album Barragán bereits aus dem Herbst 2014 stammt, also quasi fast prähistorisch scheint, wurde dem Song Dripping nun ein äußerst bemerkenswertes Video spendiert. Über die Band muss man gar nicht viele Worte verlieren, Musikfans sollten sie schlicht kennen. Barragán allerdings ist an mir völlig vorbeigegangen. Dabei besticht Dripping als atmosphärischer, ungemein geschmeidiger Electro-Pop. Zu dieser sachten wie geheimnisvollen Nummer passt ein erotischer Clip in der Tat ausgezeichnet. NSFW schimpft sich das ja heute. Dem Regisseur Eric Wareheim ist ein Video mit famoser Pointe gelungen. Der Clip zeigt schöne, vor allem charaktervolle Frauen, die sich dem Genuss – etwa einem Drink oder eine Zigarette – hingeben. Alle befinden sich in durchaus intimem Ambiente. Doch erst nach der Hälfte kommt nach einigen Andeutungen die große Überraschung. Sie ist ein von der Sorte, die man nicht verrät! Doch sei gesagt, dass man einen Fetisch nicht stilsicherer hätte präsentieren können! Keine Frage, Song und Clip haben sich einen Platz in meinem virtuellen Schatzkästchen absolut redlich verdient! (via NBHAP)

barragan_cover

Barragán ist am 05.09.2014 auf Kobalt Label Services erschienen.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Schatzkästchen 63: Blonde Redhead – Dripping

  1. „da wäre andererseits ein neuer Feminismus, der hinter jeder Form weiblicher Nacktheit gleich abgrundtiefen Sexismus vermutet“

    Schade, dass ich so einen wegwerfenden Halbsatz hier finde.

    Feministische Kritik an Nacktheit bezieht sich in der Regel darauf, dass wie selbstverständlich im öffentlichen Raum (Plakatwände, Haltestellen, Zeitungen usw.) nackte oder halbnackte Frauen abgebildet werden, die aber keine Person, sondern nur stereotypes Objekt für z.B. Werbung sind (und zwar nicht für Frauenunterwäsche). Ich mag mich daran nach wie vor nicht gewöhnen und bin gewiß nicht prüde.

  2. Werte Gudrun, der neue Feminismus ist leider körperfeindlich. Es ist zB kein Zufall, dass Feminstinnen das Kopftuch von Muslimas als Akt der Emanzipation fehldeuten. Natürlich ist Sexismus abzulehnen, natürlich haben Gruppen wie Pinkstinks ihre Meriten. Dennoch besteht die Gefahr, dass dadurch eine neue Prüderie mitbefördert wird.

    SVT

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