Schatzkästchen 65: Portishead – SOS

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Photo Credit: Magnolia Pictures

Geschichte war schon in der Schule mein Lieblingsfach. Und die intensive Beschäftigung mit ihr hat mich zu einem Liebhaber von Dystopien werden lassen. Denn die menschliche Natur ist schlicht nicht für Friede, Freude, Eierkuchen ausgelegt, nach jedem Krieg und jeder Katastrophe wird zwar Besserung gelobt, doch schon ein oder zwei Generationen später droht in aller Regel neues Unheil. In dem Maße, in welchem all die zivilisatorischen Errungenschaften steigen, gerät auch das Verderben immer ausgeklügelter. Dystopien sind somit ein in die Zukunft geschriebener Geschichtsentwurf, der sich auf bisherige Erfahrungswerte stützt. Der Roman High Rise (auf Deutsch als Der Block oder Hochhaus erschienen) des britischen Schriftstellers J. G. Ballard hat mich bereits als Jugendlicher schwer beeindruckt. Ballard schildert darin, das allmähliche Schwinden zivilisatorischer Konventionen. In einem großen, fast autarken Wohnblock samt Supermarkt, Geschäfte, Schule und Schwimmbad treten nach und nach soziale Spannungen auf. Dabei wird deutlich, dass der Rang innerhalb der Hierarchie davon abhängt, in welchem Stockwerk die Bewohner leben. Immer schneller kristallieren sich verschiedene Schichten heraus, so verkörpert eine Flugbegleiter-WG in einer der ersten Etagen die Unterschicht, der auf halber Höhe lebende, honorige Universitätsprofessor die Mittelschicht und die, die sich die teuren Penthäuser leisten können, die Crème de la Crème. In der fortschreitenden Eskalation spielt denn auch die Zugehörigkeit zu einem Stockwerk die maßgebliche Rolle. Vandalismus, offener Kampf und Tod steigern sich unaufhaltsam. Dieses Buch ist wirklich stark. Ob man das auch von dessen Ende Juni in die heimischen Kinos kommenden Verfilmung behaupten kann? Mir ist der englische Regisseur Ben Wheatley bislang kein Begriff gewesen, doch werte ich es eigentlich als gutes Zeichen, dass keiner der üblichen Verdächtigen an diesem Stoff herumgedoktert hat. Dass Portishead High Rise einen musikalisch Beitrag spendiert haben, spricht ebenso für den Film. Portishead sind ja nicht irgendeine dahergelaufene Band, sondern eine Formation wegweisender Kreativität, die sich viel zu selten in die Niederungen der Albumveröffentlichungen herablässt. Somit ist schon ein neuer Song sehr bemerkenswert, sogar wenn es nur eine Coverversion ist. Mit dem Track SOS hauchen Beth Gibbons und Konsorten dem Klassiker von ABBA eine neue Bedeutungsschwere ein. SOS wird seiner zugegeben schönen Popdramatik beraubt und in große Trip-Hop-Düsterkeit gehüllt. Wo der Song im Original noch bittendes Hoffen offeriert, klingt die minimalistische Fassung von Portishead nach einem desillusionierten Abgesang. Apropos Abgesang, Dystopien sind ihrem Wesenskern nach zwangsläufig Abgesänge auf die Hoffnung nach menschlicher Fortentwicklung. Auch deshalb passt dieser Track fraglos bestens zu High Rise. Wie schön also, dass man sich dieses Romans angenommen hat, wie toll, dass sich Portishead an ABBA herangewagt haben!

Der Film High Rise kommt am 30.06.2016 in die deutschen Kinos.

Links:

Offizielle Webseite (High Rise)

Offizielle Webseite (Portishead)

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Schatzkästchen 65: Portishead – SOS

  1. Wirklich eine großartige Coverversion! Portishead sollten mal ein ganzes Album mit solchen Songs machen. 🙂

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