Schlaglicht 55: DJ Shadow

Der Fluch der großen Tat! Jeder, der die Neunziger abseits musikalischen Mainstreams verbracht hat, wird noch heute Loblieder auf das Album Endtroducing… singen. Die 1996 veröffentlichte Platte war nicht weniger als ein echter Meilenstein der Electronica und des instrumentalen Hip-Hop und ihrem Schöpfer DJ Shadow ein Debüt für alle Ewigkeit gelungen. Auch danach blieb der sich durch die Musikgeschichte sampelnde Kalifornier ungemein kreativ. Zusammen mit James Lavelle fabrizierte er als UNKLE das großartige Werk Psyence Fiction. Und als wäre das nicht schon Genialität genug gewesen, erschien 2002 mit The Private Press ein zweites Studioalbum. Speziell der Track Six Days mit dem kongenialen Video Wong Kar-Wais ist bis heute unvergessen. Die elektronische Musik hatte ihr großes Mastermind! Von nun an ging’s bergab. The Outsider von 2006 bescherte der Fangemeinde eine veritable Enttäuschung. DJ Shadow hatte zur Zusammenarbeit geladen und viele waren gekommen, zu viele. „Here, ultimately, the DJ remains resolutely in the background. And that was never the point.“ urteilte NME. „It’s hard to imagine anyone going for the whole album, because it doesn’t hold together.“ schrieb die New York Times. Wer die gesammelten Kritiken zu The Outsider auf Metacritic durchstöbert, merkt rasch, dass sich DJ Shadow mit dieser Platte keinen Gefallen getan hat. Auch zehn Jahre später vermag sie nicht zu überzeugen. 2011 sah schließlich die Veröffentlichung von The Less You Know, The Better, das den geschätzten Meister aus meiner Sicht teilweise rehabilitierte. So wusste etwa das wuchtig-bullige I Gotta Rokk völlig zu überzeugen.

Für Juni nun steht das neue Album The Mountain Will Fall an. Und vermutlich ist schon die Frage verkehrt, ob Josh Davis alias DJ Shadow wieder jene Relevanz erreicht, die ihn um die Jahrtausendwende ausgezeichnet hat. So weltbewegend wie vor 20 Jahren wird DJ Shadow in diesem Leben wohl nicht mehr, doch kann solch Selbsterkenntnis befreiend sein. Der Fluch der großen Tat lässt sich halt am ehesten abschütteln, indem man nach vorn blickt. Und tatsächlich, die ersten Einblicke ins Werk sind fraglos vielversprechend.  Nobody Speak feat. Run The Jewels besticht als tougher Hip-Hop mit ordentlich street cred, der Titeltrack The Mountain Will Fall gefällt als im Hintergrund sphärisch-spacige Electronica, die von einem stolzierenden Roboter mit unregelmäßigem Herzschlagbeat kontrastiert wird. Daumen hoch heißt es auch für Bergschrund feat. Nils Frahm, dessen waberndes Fiepen an die Glanzzeiten des werten Herrn erinnert. Auf gewisse Weise ähnelt dieses Werk sogar dem Album, welches DJ Shadow statt The Outsider ertüfteln hätte sollen. Und da es ist nie zu spät ist, Versäumnisse nachzuholen, mögen Fans von früher ihren Frieden mit DJ Shadow schließen und dieser Platte definitiv eine Chance geben!

themountainwillfall

The Mountain Will Fall erscheint am 24.06.2016 auf Mass Appeal.

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

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