Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

Kummer, insbesondere Liebeskummer, führt sehr häufig dazu, dass wir uns vom Leben zurückziehen, in einer Art Blase gefangen sind, durch die die Umgebung außerhalb meist nur fahl und trüb wahrnehmbar scheint. Makellos wirken dagegen die wie mit Photoshop geschönten Erinnerungen, die in der Blase blubbern, bis sie platzen! Und der Schmerz spaltet sich in viele scharfe Rasierklingen, die die Seele filetieren. Das Unangenehmste am Verweilen in der Blase ist jedoch, dass man trotz Abgeschiedenheit nicht unbeobachtet bleibt, das Umfeld die selbstgewählte Gefangenschaft in der Blase durchaus mitleidig registriert. Auch kreative Menschen sind vor diesem Schicksal nicht gefeit – und doch haben viele von ihnen in dieser Situation einen entscheidenden Vorteil. Denn auch der kreative Prozess findet gern in strenger Zurückgezogenheit statt. Möglicherweise hat das neue Album der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler wirklich in einer Blase des Kummers seinen Ursprung genommen und alles Leiden schließlich in allerschönste Musik verwandelt. Strangers ist von eremitischer Katharsis geprägt, von melancholischer Traurigkeit und bitterer Erkenntnis. Nadler orientiert sich dabei unüberhörbar an einer gewissen Lana Del Rey. Letzterer ist nämlich zu verdanken, dass lange als chic geltende mauerblümchenhafte Erkenntnisklänge in den vergangenen Jahren vermehrt von divareskem Schwelgen abgelöst wurden.

Strangers ist eine Platte, die bereits in den ersten knapp drei Minuten von Divers of the Dust eine Stimmung kreiert, die man als Hörer entweder völlig umarmen oder halt als waidwunde Schmachterei abtun kann. Wem Divers of the Dust das Herz wärmt, wird die elegante Traurigkeit und mysteriöse Dramatik des restlichen Albums lieben. Besticht beim Opener noch das Piano der instrumentale Angelpunkt, wird das nachfolgende Katie I Know dagegen mit Gitarre und gedämpfter Orgel in edler Getragenheit inszeniert. Bei Zeilen wie „So many fair-weather friends/ Problem is when the weather ends“ steigt in mir das Bild einer Hollywood-Göttin früher Tage hoch, die sich vergrämt auf einem Diwan räkelt. In diesem Moment muss man Nadler für Del Reys ebenbürtige Zwillingsschwester halten! Skyscraper wiederum ist von der Instrumentierung her am Folk des New Weird America, dem auch die ersten Platten Nadlers zuzurechnen sind, orientiert. Der Track sorgt für einen feinen Akzent, erinnert in seinem entrückten, in Bildern gefangenen Vortrag an die Anfänge der Musikerin. All die Stränge ihres bisherigen Schaffens, von der verwunschenen Folklore ihres Frühwerks über Dream-Pop bis hin zum begehrenden, lechzenden Hochglanzpop à la Del Rey, laufen bei Hungry Is the Ghost zusammen. Der Stachel der Begierde sitzt tief. Dessen Objekt, der verflossene Liebste nämlich, wird so sehr vermisst, dass es an den unmöglichsten Orten halluziniert wird. Dieses dem Verlangen gewidmeten Lied besticht durch laszive, jedoch keineswegs melodramatische Attitüde, strahlt als Glanzlicht einer ohnehin intensiven Platte. Das nachfolgende Stück All the Colors of the Dark hätte auch auf Del Reys Honeymoon gute Figur gemacht, erzeugt nicht zuletzt wegen der eingesetzten Streicher eine opulente, wehmütige Schwüle. Mit dem Titeltrack Strangers hält schließlich sogar eine countryeske Schwermut Einzug, wird mit Zeilen wie „I am alone now/ Playing in the dark“ die völlige Vereinsamung zelebriert. Und einmal mehr fällt auf, dass das Album eine Vielzahl von Gitarren aufbietet. Von der Pedal-Steel-Gitarre über eine 12-saitige Westerngitarre bis hin zu elektrischen Gitarre scheint alles vertreten. Sie sind es auch, die die Aura von Verhängnis und Enttäuschung in vielen Nuancen untermalen. Mit Janie in Love beginnt die zweite Hälfte der Platte. Eine zweite Hälfte, die gegenüber dem famosen ersten Teil fast zwangsläufig ein bisschen abfallen muss. Doch der Reihe nach! Janie in Love mag der Track sein, der die Jünger Del Reys am meisten begeistert,  Lyrics mit griffigen Vergleichen wie „You’re a natural disaster and I am/ Watching you blow up everything/ You touch and the earth will crumble/ You speak and hurricanes attack/ I am pulling out the windows to prepare for you“ anbietet. Mit diesem überragenden Stück wird aus der Blase heraus das Unheil ein anderer, noch blind unter dem Zauber der Liebe gefangenen Person kommentiert. Ähnlich beobachtend verhält sich Shadow Show Diane, das auf eine akustische Gitarre und die erzählerische Güte Nadlers setzt. Der sehnsüchtige Satz „I want to be someone sane sometimes somebody else“ tönt wie ein Stoßseufzer, der erste Dellen in die Blase prescht. Statt eine Befreiung weiter auszugestalten, setzt mit Nothing Feels the Same ein fraglos starker Abgesang auf die vergangene Zweisamkeit ein. Ein toller, Erinnerungen gleich Seifenblasen zerberstender Song, in der Tracklist allerdings an völlig falscher Stelle auftauchend. Er konterkariert die Trotzigkeit des finalen Dissolve, das sich aus der Blase endlich herauswagt. Dissolve überwindet den Schmerz, ein „You never bring me down“ gerät zur Kriegserklärung an die gescheiterte Liebe, ist auch vom Vortrag nüchterner. Nadler erinnert hier eher an eine Folk-Ikone der späten Sechziger als an die nun mindestens einmal zu oft erwähnte Frau Del Rey.

Strangers verortet sich in Nadlers Schaffen als Aufbruch zu einem neue Hörerschichten ansprechenden Sound, freilich ohne deshalb vorhandene Qualitäten über Bord zu werfen. Marissa Nadler hat die dichten, sagenumwobenen Wäldern der Appalachen-Folklore lange schon hinter sich gelassen, ist bereits auf ihren letzten Werken durch ein Amerika geplatzter Illusionen und zerbrochener Träume gereist. Dieses Album nun erwächst zu einer Vorstadtdepression, die einen Lebensentwurf in einem Kraftakt über Bord werfen und dazu noch Erinnerungen gleich Fettnäpfchen ausweichen muss. Das alles präsentiert sie mit der Art Chic, den Lana Del Rey salonfähig gemacht hat. Denn nochmals sei es gesagt, Nadler outet sich hier meiner Auffassung nach als ebenbürtige Zwillingsschwester. Das ist als Kompliment gemeint – an beide Damen!

strangers_nadler

Strangers ist am 20.05.2016 auf Bella Union erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

 

Ein Gedanke zu „Die ebenbürtige Zwillingsschwester – Marissa Nadler

  1. Lana Del Rey kann man gar nicht oft genug erwähnen in einem Beitrag. 😉 Abgesehen davon erinnert mich Marissa z.T. auch sehr an Lana, vor allem in dem von Dir erwähnten Song „Janie in love“. Ansonsten hat das Album definitiv eine ganz spezielle Atmosphäre – ich mag’s auch (überraschenderweise ;-).

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