Ein Amuse-Gueule! – Nouvelle Vague

Wer nicht nur in Schnellrestaurants verkehrt, wird ihn vielleicht kennen, den Gruß aus der Küche, mit welchem man den Gästen eine erste Kostprobe der zu erwartenden Kochkunst serviert. Im Französischen bezeichnet man dies deftig-lieblich als Amuse-Gueule. Dieses Appetithäppchen soll die Neugier aufs Menü wecken, alle Geschmacksknospen aktivieren. Es soll andeuten, ohne jedoch bereits alle Kniffe des Kochs zu verraten. In der Musik sind solch Amuse-Gueules leider oft verpönt, da wird die Lust auf ein neues Album dadurch geweckt, dass vorab schon der Schweinebraten gereicht wird. Nun verstehe ich natürlich, warum es im Musikgeschäft wenig Platz für Andeutungen gibt. Im ständigen Wettbewerb um Aufmerksamkeit darf nicht erst gekleckert, vielmehr gleich mit der Hitsingle geklotzt werden. Da hat es ein Koch natürlich leichter, wer im Lokal aufschlägt, muss nicht erst zum Essen überredet werden. Dies alles kam mir in den Sinn, als ich in die neue Athol Brose EP des französischen Projekts Nouvelle Vague reinlauschte. Dessen Macher Marc Collin und Olivier Libaux haben es geschafft, mit einem so charmanten wie cleveren Konzept mehrere Alben mit Erfolg zu bestreiten. Man nehme Klassiker des New Wave und interpretiere sie völlig neu, indem man sie in leichtfüßigem Pop – mit entspannten lateinamerikanischen Rhythmen kombiniert – ansiedle und mit zarten Frauenstimmen verbräme.

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Photo Credit: Julian Marshall

Sechs Jahre nach dem letzten Studioalbum Couleurs sur Paris wagen Nouvelle Vague ein Comeback. Ein später im Jahr erscheinendes Album namens I Could Be Happy soll sowohl das bisherige Schaffen reflektieren als auch neue Wege beschreiten. Vier Remixe früherer Lieder hat man ins Auge gefasst, vier bereits veröffentlichte Cover sollen dem Vernehmen nach mit Musikern aus China, Indien, Mexico und Ungarn neu aufgenommen werden, weitere vier gänzlich neue Cover – unter anderem von The Ramones – sind geplant. Darüberhinaus trauen sich Collin und Libaux erstmals sogar vier Eigenkompositionen zu. Bis zur Veröffentlichung der neuen Platte darf man sich jedoch schon an der nächste Woche erscheinenden Athol Brose EP erfreuen. Sie ist das eingangs erwähnte Amuse-Gueule! Bietet zu allen Zugängen einen ersten Vorgeschmack. Da wäre zunächst der Titeltrack Athol Brose, im Original von den Cocteau Twins, mit Liset Alea am Mikrofon. Die wie stets sinnliche, vergleichsweise hintergründige und verhaltene Interpretation ist sehr gelungen, allerdings zunächst nicht so eingängig wie frühere Nummern. Die von Élodie Frégé gesungene Nouvelle-Vague-Eigenkomposition La Pluie et Le Beau Temps erweist sich als südamerikanisch tänzelndes Chanson, das unterstreicht, dass ein Duo, welches so gekonnt neu zu arrangieren vermag, auch mit selbst geschriebenen Liedern überzeugen kann. Der dritte Track der EP, Love Will Tear Us Apart (Dream Koala Remix), verrät, dass es die Macher mit den angekündigten Remixen ernst meinen. Zugegeben, das Stück ist als atmosphärischer Ambient nicht völlig ohne Reiz, aber kaum das, was Fans dieses Projekts in helle Aufregung versetzen wird. Spannender ist die Ethno-Aufnahme von Ever Fallen In Love (Unlocked Destination). Das Cover des Stücks der Buzzcocks war bereits 2006 auf Bande à part zu finden, wird nun dem Bossa-Nova-Flair beraubt und als folkiger Western zelebriert. Ein Cover vom Cover sozusagen!

Nouvelle Vague sind also endlich zurück, für den Spätherbst wurden bereits Liveauftritte in Deutschland bestätigt. Die Athol Brose EP mundet als gelungenes Appetithäppchen, das meine Heißhunger auf I Could Be Happy weckt, vielfältige Zugänge verspricht. Als Amuse-Gueule gelingt es der EP, den Gaumen bereits leicht zu kitzeln. Wenn man das bisherige Schaffen der Formation nochmals Revue passieren lässt, darf man durchaus davon ausgehen, dass sich Nouvelle Vague den einen oder anderen Leckerbissen noch für das Album aufgespart haben. Eben dieses kann der musikalische Gourmet in mir kaum mehr erwarten!

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Athol Brose EP erscheint am 02.09.2016 auf Kwaidan Records.

Konzerttermine:

22.11.2016 Hamburg – Uebel & Gefährlich
23.11.2016 Berlin – Postbahnhof

Link:

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