Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

In meinen Zeilen zum 2014 veröffentlichten Last War habe ich die Haley Bonar einiges Lob spendiert. Ihren fiebrigen, nach Ausbruch trachtenden Gesang hervorgestrichen, ihre Texte, die die geplatzten Träumen kleiner Leute thematisieren, für stark befunden, Bonar quasi zu einem weiblichen Springsteen gekürt. Auch dem neuen Album Impossible Dream wird man mit dieser Charakterisierung fraglos gerecht. Indie-Rock, versetzt mit Post-Punk und ein bisschen Synthie-Pop, alles getränkt mit nostalgischen Achtziger-Melodien, mit solch musikalischer Ausrichtung vermag Impossible Dream abermals zu überzeugen. An Bonars Texten hat sich ebenfalls nichts geändert, noch immer dominiert die Enttäuschung über den Zustand eines erwachsenen Lebens, das all die Freuden und Torheiten der Jugend hinter sich gelassen hat, nach wie vor ist ein Aufbäumen gegen alle Stagnation spürbar, weiterhin kämpft das lyrisches Ich mit der kleinstädtischen Enge, die Veränderungen unmöglich macht.

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Schon der Opener Hometown weiß ein Lied von ambivalenten Gefühlen zu singen. „The folks I know will all go on their way to staying the same“ und „Hometown goes wherever you go“ sind jene zwei Zeilen, die Langeweile und Berechenbarkeit auf der einen Seite, jedoch ebenso Sehnsucht nach Vertrautheit ausdrücken. Der Power-Pop-Tune Kismet Kill zählt mit seinen bittersüßen Erinnerungen und der illusionslosen Sicht auf die Gegenwart zu den gelungensten Stücken der Platte. Speziell der Refrain „You ain’t no Romeo/ Not my first rodeo and now/ We’re the kids who got kids at parties/ I was impossible when I was beautiful and now/ I’m the kismet kill nailed beside you“ erzählt eine Lebensgeschichte, in der sich wohl viele Ü-30-Menschen wiederfinden. All den einst gehegten Plänen steht eine blasse Gegenwart gegenüber, gespeist von den Erinnerungen an ein unbeschwertes Früher. In grüblerischen Stunden hält man sich vielleicht auch an der Hoffnung „I could be so happy if I let myself be happy“ fest, hämmert sich in den Kopf, dass Veränderungen möglich sind. Davon erzählt I Can Change. Bonar gelingt es vorzüglich, in den Lyrics den Verlust von Jugend und die Bürde des gefühlt zu frühen Erwachsenendaseins abzubilden, dieser Schwermut und Orientierungslosigkeit aber ohrwürmelnde Melodien entgegenzusetzen. Der kompakte Sound, bestehend aus Gitarre, Bass, Synthies und Schlagzeug, fällt trotz manch Synthie-Pop-Anleihen stets treibend und robust aus, ein Musterbeispiel dafür ist Stupid Face.  Besonders spannend gestaltet sich Called You Queen. The Bangles treffen auf Kim Carnes, diese Namen würde ich hier als Referenz angeben. Der Song dreht sich um das ausgesprochen versöhnliche Ende einer Beziehung, besiegelt durch das Outing des Partners, der endlich die Courage aufbietet, sich seine homosexuellen Neigungen einzugestehen. Einmal mehr sticht die Diskrepanz zwischen quirligen Harmonien und thematischem Tiefgang hervor. Diese Masche beherrscht Bonar in absoluter Perfektion. „History is nothing but a memory/ From someone paid to write it“ ist noch so ein Satz, der das Gehirnschmalz anregt, während Skynz temperamentvoll durch die Boxen glittert und wummert. Als letztes Highlight der Platte imponiert Better Than Me, das die Sehnsüchte und Unangepasstheiten und die schließlich verinnerlichten Verhaltensweisen nochmals Revue passieren lässt. Die Sterne mögen für Träume keine Entfernung darstellen, die triste Wirklichkeit dagegen endet hinter dem nächsten Hügel.

Haley Bonar gelingt ein an Lebenserfahrung reiches Album, dessen musikalische Dynamik für all die geplatzten Träume zu entschädigen weiß. Impossible Dream ist ein Paradebeispiel dafür, dass sich Rock praktisch immer aus Jugend speist. Und die besten Songs sind meistens sogar die, die wehmütig auf jene Zeit zurückblicken, in der die Zukunft noch voller Verheißungen steckt – und Hoffnungen noch realisierbar scheinen!

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Impossible Dream ist am 05.08.2016 auf Memphis Industries erschienen.

Konzerttermine:

13.10.2016 Hamburg – Kleiner Donner
14.10.2016 Berlin – Privatclub
15.10.2016 München – Hauskonzerte
16.10.2016 Offenbach – Hafen 2

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

  1. Das Album steht bei mir ja auf der Liste der Kandidaten für das Album des Jahres 2016. Obwohl ich es etwas zu kurz finde.

  2. Das ist immer so die Frage – was ist besser, ein Album mit 16 Songs, auf dem 10 gute sind, oder ein Album mit 10 Songs mit 8 guten Liedern. 😉 Bei einem 10er Album muss halt nahezu jeder Track „sitzen“, und so gut ich das Haley-Album auch finde, so sind doch für meine Ohren auch ein paar eher durchschnittliche (nicht schlechte!) Lieder dabei. Da hätten zwei Songs mehr nicht geschadet. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, versteht sich.

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