Ein klanglicher Blick auf mir vertraute Berge – Mountain

Ich hoffe, dass ich mir auf diesem Blog nicht zu oft anmaße, die Beweggründe und Motive eines musikalischen Werks genau zu kennen. Ich habe auch durchaus Zweifel, ob man ein künstlerisches Werk zum Beispiel dadurch ganz und gar begreift, indem man sich in dessen Schöpfer hineinversetzt. Im Falle der Villacher Formation Mountain meine ich allerdings schon, dass mir der Zugang zum Album Evolve auch dadurch gelingt, dass Mountain aus meiner Geburtsstadt stammen. Villach, im Süden Österreichs gelegen, ist von Bergen umgeben. Zum einen von der Gebirgskette der Karawanken mit dem Hausberg Dobratsch, und zum anderen von der Gerlitzen, einem Ausläufer der Nockberge. Die beiden Gipfel dominieren das Panorama, zahlreiche wunderbare Seen tun ihr Übriges. Landschaftlich hat diese Gegend viel zu bieten. Deshalb wundert es mich nicht, dass der Bandname einen Bezug zu dieser Natur hat. Noch weniger überraschend ist der Umstand, dass Mountain im Genre des Post-Rock zu verorten sind.

Post-Rock, speziell der instrumental angelegte und auf Gitarre fokussierte, ist überaus beredt. Er vermag eine gesamte Szenerie zu beschreiben, also sowohl einen mächtigen Makrokosmos als auch den Mikrokosmos im Blick zu haben. Er schweift mindestens so gestenreich in die Weite, wie er sich zugleich auf Details fokussiert. Auf das Villacher Panorama übertragen, gelingt Mountain die Nahaufnahme einer sich im Faaker See spiegelnden Bergspitze, nur um anschließend mit den Augen die gesamte Kulisse fast staunend aufzusaugen. Doch ehe ich den Bezug zur Landschaft überstrapaziere, will ich mir ein paar Tracks von Evolve näher ansehen. Der Opener Hawking beispielsweise vereint idyllische Kontemplation mit mehrfach auftauchenden, pompösen bis grimmigen Bässen und Drums. Das melodische Gitarrenmotiv wird zur Hälfte über Bord geworfen, unruhige Bedrohlichkeit und atmosphärische Kühle flimmern durch die Boxen, ehe alles in einem mächtigen Schlussakkorden mündet. Stugor wiederum imponiert als über weite Strecken als famoser Post-Rock-Western, der gegen Ende abermals kippt, Neunziger-Alternative mit dem Party-Post-Rock der letzten 10 Jahre vermengt. Deeds, Grammar and What You Make Of It kristallisiert sich für mich als einer der besten Track der Platte heraus, auch weil mich die Verve an manch Stücke von And So I Watch You From Afar erinnert. Der Hauptstrang bietet eine aus dem Hintergrund gellende Gitarre, die das deftige Spiel der übrigen Instrumente konterkariert, ehe sich alles zum gemeinsamen Wiehern zusammenfindet. Der viel zu kurze finale Prog-Rock-Teil hätte freilich eine weitere Ausgestaltung verdient. Die gesamte Nummer in bloß vier Minuten abzuhandeln, war wohl nicht Mountains beste Idee. Denn meinen Landsleuten geht die Puste so schnell nicht aus, wie neben bereits erwähntem Hawking das fast neunminütige Ahram belegt. In dessen zurückgenommenen letzten dreieinhalb Minuten drängen sich Assoziationen mit Explosions in the Sky auf. Was mir an Mountain generell gut gefällt, ist der Umstand, dass Phillip Otte und Konsorten verschiedenste Temperamente beherrschen. Vom satten, hymnischen Sound bis hin zu entschleunigter Betrachtung ist auf Evolve praktisch jede Facette vertreten. Falls man aber etwas bekritteln möchte, dann vor allem die Tatsache, dass die Band gut entwickelte Themen oft plötzlich zur Seite schiebt, auch nicht wieder aufgreift. Mit dem tollen Rausschmeißer Mondo Kane werden die Boxen nochmals durchgeputzt, die hemdsärmelige Dynamik und die triumphale Schönheit der Gitarre türmen sich vor dem Hörer ein letztes Mal auf. Ein starkes Ende!

Die Wucht von Natur, ich will sie nochmals bemühen, um dieser Platte gerecht zu werden. Post-Rock, speziell solch urgewaltiger, ist auch ein Brückenschlag zwischen einer Moderne und archaischen Elementen. Auch das Albumcover greift diesen Gedanken auf, wenn es einerseits schroffe Berge und zum anderen einen aus Zahnrädern und Maschinenteilen stilisierten Menschenkopf zeigt. Mountain betreten mit ihrem Berg und Tal beackerndem Schaffen zwar kein neues Terrain, trotzdem bescheren sie uns einen niemals formelhaften, stets ausdrucksstarken Post-Rock, der zumindest vor meinem geistigen Auge heimatliche Bilder aufziehen lässt. Hier in Berlin hat Natur vielfach einen vom Menschen kultivierten, zwischen allem Beton geduldeten Charakter. In Villach dagegen umzingelt Natur die Stadt, in idyllischer Form durch wunderschöne Seen und Wälder, in kantiger Ausformung durch die Gipfel der Berge. Und je öfter ich mir Evolve anhöre, desto mehr fühle ich, wie diese Klänge auf exakt die mir so vertrauten Bergspitzen blicken, sich in den von Erinnerungen durchdrungenen Gewässern verlieren. Ein schöner Gedanke, doch gehe ich jede Wette ein, dass diese Werk auch ohne jede Kenntnis des Entstehungsortes sicher zu gefallen weiß!

evolve_cover

Evolve erscheint am 09.09.2016 auf Shunu Records.

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

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