Fast zu viel des Guten – Hannah Epperson

An Plattenveröffentlichungen herrscht wirklich kein Mangel. An überzeugenden Ideen jedoch, wie man zehn oder mehr Lieder zu einer Geschichte zusammenschmiedet, eher schon. Das Album als Drehbuch ist ein Konzept, das nur selten ganz große Begeisterung hervorruft. Speziell im Pop. Hannah Epperson will auf ihrem Album Upsweep ein sehr abgründiges Psychodrama beschreiben. Ein junger Mann namens Skyler weist hierin eine bipolare Störung auf, wird von den fiktiven Charakteren Amelia und Iris heimgesucht. Immer tiefer driftet er in eine Manie hinab, begünstigt durch das Spannungsverhältnis, welches zwischen Amelia und Iris besteht. Soweit die vom Pressetext geschilderte Ausgangslage, die sowohl zum Arthouse-Film als auch zum Hollywood-Thriller taugen würde.

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Epperson versucht eine Art musikalischen Mittelweg. Sie lässt Amelia und Iris dieselben Lieder in verschiedenen Temperamenten darbieten. Auch stilistisch sind die zwei Teile unterschiedlich. Während die aus der Perspektive Amelias erzählte erste Hälfte Kunst-Pop-Akzente aufweist, präsentiert sich die vom Alter Ego Iris bestrittene zweite Hälfte als Singer-Songwriter-Kammermusik. Epperson will verdammt viel ausdrücken, übertreibt es mit der Ausgestaltung der Hintergrundgeschichte ein bisschen. Denn die existentielle Krise wird in den Lyrics bestenfalls angedeutet. Die fünf Lieder in ihren zwei durchaus unterschiedlichen Fassungen darzubieten, entpuppt sich als smarte Idee. Der thematische Überbau dagegen ist fast zu viel des Guten. Denn eigentlich verstellt er sogar die Sicht auf die Souveränität, mit der Epperson hier agiert. Ihr Pop-Zugang gerät so avantgardistisch wie eingängig, ihre Kammermusik ist ein starker Kompromiss zwischen exzentrischer Manieriertheit und intimem Gefühlskosmos. Als Highlights der poppigen Hälfte wären Circles (Amelia) oder Strong Thread (Amelia) zu nennen. Beide weisen R&B-Einflüsse auf, zeichnen sich vor allem im Refrain durch feine gesangliche Süße aus. Farthest Distance (Iris) wiederum wird von Streichern dominiert, und zwar von der Art Streichern, die auch nervös bis enervierend agieren, damit einen Kontrast zum verhuschten, introspektiven Gesang setzen. Auch Iodine (Iris) gefällt, wenn Hannah Epperson ihre Violine in einen Loop schickt, dazu munter drüberfiedelt und mit verführerischer, unheilvoller Stimme die Worte „I am the second thought that gets you in the end/ I am all the voices in your head“ intoniert.

Upsweep überzeugt mehr als eine jede Menge Potential beinhaltende Talentprobe als ein die Last des beschriebenen Konzepts schulterndes Werk. Hannah Epperson offenbart sich freilich als faszinierende Singer-Songwriterin mit ausgesprochen gutem Händchen für vielfältigen Ausdruck. Avantgardistischer Pop kann schnell ermüden, Kammerpop mit dem Schwerpunkt auf Innenschau ebenfalls. Der werten Dame freilich gelingen immer auch Brechungen hin zu Melodien, die Hörer einzufangen wissen. Und angesichts solcher Fähigkeiten braucht es vielleicht gar keine psychodramatische Klammer, die den Liedern die ganz große Geschichte aufbürdet. Epperson macht den Anfängerfehler zu viel zu wollen, obwohl ihr doch bereits sehr viel, sehr beeindruckend gelingt. Wer sich von all den Qualitäten selbst ein Bild machen möchte, sollte sich nun beeilen. Die quer durch Mitteleuropa führende Tour neigt sich gerade dem Ende zu!

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Upsweep ist am 16.09.2016 auf ListenRecords erschienen.

Konzerttermine:

30.09.2016 Marburg – KFZ
01.10.2016 Wien (AT) – Waves Vienna Festival
03.10.2016 Graz – Scherbe
04.10.2016 Bremgarten (CH) – Stiefelchnächt
05.10.2016 Luxembourg (LUX) – De Gudde Wellen
07.10.2016 Köln – die Wohngemeinschaft
08.10.2016 Münster – Reset Festival

Links:

Offizielle Webseite

Hannah Epperson auf Facebook

SomeVapourTrails

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