Musik für Genussspechte – Robbing Millions

Man wähle eine sehr charmante Indie-Pop-Kapelle und denke sich den Spielwitz einer Nu-Jazz-Formation wie Jaga Jazzist dazu, dann ungefähr vermag eine erste Idee davon bekommen, was die Brüsseler Band Robbing Millions mit ihrem gleichnamigen Debüt ausheckt. Jener psychedelische Pop ist zuallererst Pop, ausgesprochen federleichter und fröhlicher noch dazu. Allerdings bricht die Band bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem formalen Schema des Pop, dann durchzieht ein funkiges bis jazziges Flair das Werk. Im Fluss säuselnder Glücksmomente ist jede Menge Platz für luftige Verschwurbelungen oder nostalgische Gitarrenriffs oder Math-Rock-Anklänge. Robbing Millions bescheren uns einen Sound, den die Belgienexpertin Eva-Maria von Plan My Escape anlässlich eines Konzertberichts vom Eurosonic Festival 2015 treffend mit den Adjektiven „weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt, unberechenbar“ versehen hat. So klingt Musik, die völlig verschwenderisch mit ihrer Kreativität umgeht.

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Photo Credit: Tina Herbots

Eine großartige Platte zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie bereits mit den ersten Takten zu entzücken weiß. Der Opener WIAGW mit seinen psychedelischen Gitarren, flötenden Synthies und gepitchtem Gesang gerät in dieser Hinsicht fast unerreicht. Eine exzellente Wohlfühlnummer! Eight Is The Figure I Like The Most lebt von Synthies der Marke Frühlingserwachen und von einer aufgedrehten Rhythmussektion. Mit den bereits genannten Adjektiven schwärmerisch und weirdrockig wird man dem Reiz des Tracks am ehesten gerecht. Vergleichsweise gedämpfte Songs wie etwa The Mountain punkten mit Versonnenheit, ja beinahe Seligkeit. What Makes Me Feel Old beginnt mit Samples von einem Kinderspielplatz, ehe die Chose danach klingt, als wären die Beatles und Flaming Lips mal gemeinsam auf einem netten LSD-Trip gewesen. Dreams Like Photographs dagegen mutet so an, als würde ein Haufen Roboter versuchen, wie Menschen auf einer Geburtstagsfete zu tanzen. Diese faszinierende Assoziation ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern wurde von Gitarrist und Sänger Lucien Fraipont so gegenüber Consequence of Sound geäußert. Dieses comicgleiche Bild scheint keineswegs zufällig gewählt, ist wohl auf den Einfluss von Sänger Gaspard Ryelandt zurückzuführen, der in seiner Vita auch den Beruf des Cartoonisten auflistet. Ob kindlich naive, aus einem Comicstrip gehüpfte oder drogenberauschte Atmosphäre, der gemeinsame Nenner der Lieder ist die inspirierte Stimmung. Die auch gegen Ende nicht abreißt, zum Beispiel bei Count Your Fingers, das nach anfänglich zappeligen Gehampel in ein melodisches Psych-Pop-Elysium übergeht. Getoppt wird dies noch nur den letzten Track You Fall Off Your Chair, bei dem Synthie-Gewaber und marschierende Drums die Basis für erhebenden Prog-Pop legen.

Robbing Millions haben mit ihrem gleichnamigen Debüt einen heißen Kandidaten für die vordersten Plätze in der Liste meiner Lieblingsalben 2016 geliefert. Neben dem bereits geschilderten Flair der Platte imponiert mir noch ein weiterer Umstand. Gesang und Lyrics wollen keine Botschaften vermitteln oder Geschichten erzählen, vielmehr reiht sich der Gesang ins muntere Spiel der gleichberechtigten Instrumente ein. Der Inhalt der Lieder ist mit einem launigen Tralala meist am besten zusammengefasst. Indem es nichts zu verstehen gibt, kann man sich ganz in den Flow des Werks fallen lassen. Nichts, rein gar nichts stört die Wonne. Kein Grübeln, keine halbgare Poesie. Wie schön. So – und nicht anders – klingt Musik für Genussspechte!

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Robbing Millions ist am 26.08.2016 auf PIAS erschienen.

Konzerttermin:

24.09.2016 Hamburg – Reeperbahnfestival

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