Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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Nun hat vermutlich jeder Hörer eine andere Vorstellung von Musik, die die Kinnlade sacken lässt. Von daher macht es also Sinn, den Reiz dieser Klänge zu konkretisieren. Dazu böten sich Genrezuordnungen sowie Verweise auf musikalische Legenden an. Diese habe ich durchaus anzubieten, vielleicht sollten wir uns dieser Platte aber über eine Reise durch Raum und Zeit annähern. Starten wir im Island um die Jahrtausendwende im Hause der großen Björk, irgendwann zwischen 1997 und 2001. Anklänge an die Alben Homogenic und Vespertine sowie den Soundtrack zu Dancer in the Dark sind bei IRAH unüberhörbar. Vom geheimnisumwitterten Island mit seiner exzentrisch-genialen Übermutter Björk führt der Trip ins Großbritannien der zweiten Hälfte der Achtziger. Die Cocteau Twins oder auch This Mortal Coil haben im Tun IRAHs sehr markante Spuren hinterlassen. Das ätherische Element fährt regelrecht durch Mark und Bein. Auch ein kurzer Abstecher nach Irland kann nicht schaden, denn Clannad mit ihren New-Age-Anleihen schimmern ab und an ebenfalls durch. Und weil wir gerade so schön beim musikalischen Inselhopping sind, hüpfen wir nochmals zurück nach England, genauer gesagt ins südwestliche Bristol der Mittneunziger. Der Trip-Hop Portisheadscher Prägung ist den Dänen keineswegs fremd. Betreten wir nun aber endlich europäisches Festland, genauer gesagt skandinavische Gefilde. Denn IRAH stehen natürlich ebenfalls in der Tradition einer zeitlosen Eleganz, wie sie viele Nordlichter auszeichnet. Ja, diese Reise beehrt nicht gerade die Niemande der Musikhistorie, aber sie schafft den passenden Rahmen, um sich in Into Dimensions zu vertiefen. Beginnen wir gleich mit dem sagenhaften Opener Fast Travelling. Schon im August einen Sound gelobt, der das Universum zu umarmen scheint, weiters den steten Fluss der Synthies, die dezent-rituelle Percussion und selbstverständlich die elfenhafte Stimme der Sängerin Stine Grøn hervorgehoben, von einer Hymne reinsten Herzens geschwärmt. Unzählige Hördurchläufe später würde ich diese Einschätzung fast als Tiefstapelei bezeichnen. Solch sakralen Atmosphäre lässt das Herz hüpfen wie es den Atem stocken lässt. Der Track verkörpert all das, was Esoterik irgendwann den Anhängern einst versprochen hat. Er stülpt das Innerste nach außen, vereinigt sich derart mit der Unendlichkeit des Kosmos, mit dem Göttlichen. Nicht minder faszinierend geht es weiter. Above My Knees bedient sich der Abgründigkeit des Trip-Hop, abgesehen freilich vom Refrain, bei dem ein engelsgleiches Wispern samt schwebenden Synthies dominiert. Moon dagegen offenbart sich als getragener Dream-Pop mit eindeutiger Achtziger-Aura. Was auf anderen Platten zum Glanzlicht taugen würde, wirkt hier fast blass. Das freilich liegt an Ausnahmestücken wie dem Titeltrack Into Dimensions, den ich schon vor einem halbe Jahr als tolles Kopfkino empfohlen habe. Zumindest mir spukt dabei eine in der nächtlichen Großstadt verirrte Elfe durch die Fantasie. Hochhäuser mit großen Glasfassaden stehen für sie Spalier stehen, säumen einen Pfad gegenseitigen Staunens. In den Auslagen der Geschäfte drehen sich Schaufensterpuppen nach ihr um, Hydranten dackeln gleich Kobolden hinter der Elfe her. Während ihres Gangs über glitzernden Asphalt vergehen die Stunden im Häusermeer wie im Flug, beginnt die Sonne allmählich über die Dächer zu kriechen. Helle flutscht in jede Ritze, prallt auf Glasscheiben, wird von Metall reflektiert. Im Licht der Sonne geht der Elfe endgültig das Herz auf. Diese Szenerie hat sich in meinem Hirn festgesetzt, wird bei jedem Hördurchlauf mit neuem Leben erfüllt. Showering Layers Off My Skin ist ein weiteres Lied, das ich nicht unterschlagen will. In ihrem erzählerischen Vortrag könnte man Stine Grøn für einen weiblichen Leonard Cohen halten, wobei sie auch Momente hoher Töne einstreut, in denen man eher an eine Kate Bush erinnert wird. Es überwältigt, mit welch Finesse IRAH zwischen Stilen wandeln, sich alle zu eigen machen, stets originär anmuten. So auch bei Mirroring, einer Nummer von opernhaftem Kaliber. Wenn das Label den Song als „an alternative pop tune carried by heavy synths, a driving drum-beat and a powerful vocal performance by Stine Grøn“ beschreibt, mag das zwar zutreffend sein, dem Zauber wird das aber nicht völlig gerecht. Speziell eine Björk muss diesem Track wohl mit einem Anflug von Neid begegnen!

Das Trio IRAH, bestehend aus Grøn, Adi Zukanovic (Synthies) und Oliver Louis Brostrøm Laumann (Drums), bezeichnet Into Dimensions fast abschätzig als Mini-Album. Dabei sind die sechs Tracks plus Interlude und Postlude hervorragend ausgestaltet und das Werk mit einer Laufzeit von über 36 Minuten nicht ausgesprochen kurz. IRAH mögen diesen Begriff aus Bescheidenheit heraus gewählt haben. Aber Bescheidenheit ist angesichts dieses Debüts komplett fehl am Platze. Die Herrschaften aus Kopenhagen können sich den Luxus leisten, ganz große Vorbilder zu haben. Weil musikalisches Talent und überwältigender Vortrag mit den Ambitionen jederzeit Schritt halten. IRAH bietet eine stilistische Vielfalt an, die freilich nie bemüht oder forciert wirkt. Stine Grøn darf man darüber hinaus sogar als die stimmliche Entdeckung des Musikjahres 2016 feiern. Und mit etwas Glück markiert diese Veröffentlichung erst den Beginn einer Karriere, die sich vor den genannten Namen nicht zu verstecken braucht. Es wäre ganz und gar verdient!

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Into Dimension ist am 14.10.2016 auf Tambourhinoceros erschienen.

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