Ein herausfordernder Seelenblues – Emma Ruth Rundle

Death, God, Heaven, Angel, Sky. Wer solch Schlüsselwörter in Liedtitel packt, möchte die existenzielle, nach Transzendenz lechzende Schwere einer Platte unterstreichen. Wobei nicht alles, was existentiell sein will, tatsächlich auch die Essenz menschlicher Sehnsüchte und Emotionen einfängt. Der Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle jedoch gelingt ein Werk des Verlangens und der Kasteiung, ein Album des Schmerzes und der Erinnerung. Marked For Death imponiert als folkiges Alternative-Album, das in gesanglicher Hinsicht den rauen, düsteren Momente einer PJ Harvey fraglos das Wasser reichen kann.

Marked For Death offenbart sich als ausgesprochen herbe, ja fast garstige Platte, in die man viel Aufmerksamkeit investieren muss, wie der Kollege Nicorola richtigerweise bemerkt. Als Belohnung für das Interesse winkt ein Psychogramm, das Hörer nur weiter verstört. Rundle belässt es nicht bei Depressionen oder Nachwirkungen einer Amour fou, sie beschreibt Krisen ausgeprägter Schicksalsschwere, sogar Momente sehnsüchtigen Sterbens. Die Zeilen „I don’t want to be awake when It takes me/ I won’t ever change my mind/ I can’t wait to kiss the face of The Big Sky/ I don’t want to say goodbye to you/ My Child“ aus dem dunklen Wiegenlied Real Big Sky sorgen beim Hörer für Gänsehaut. Rundles lyrisches Ich hadert nicht um des Haderns willen, es saugt sich Qual nicht aus den Fingern. Ihr Ringen wirkt echt, direkt und ungeschönt. So auch bei Protection, das quasi unter Strom steht, Anspannung verrät, die sich in seiner rohen Gitarrenwucht entlädt. „I am small but in your arms/ You are colder in your heart/ I am worthless in your arms/ But you offer this protection no one else has given me“ skizziert ungesunde Abhängigkeit, den Wunsch nach Halt. Die aufgewühlte Seele, die in ihrer Verzweiflung höchste Mächte anruft, findet sich beim famosen Hand Of God. Das Album freilich hat mit einem Glauben klassischer Ausprägung nicht viel zu tun. Stoßseufzer wie „I wish the Hand of God/ Would cover the faces and cover the traces of lovers lost“ stehen vielmehr für den desperaten Reflex, der den Blick hilfesuchend nach oben schweifen lässt, an Vergänglichkeit zerschellt. Glück scheint nicht von Dauer, eine bleischwere Tristesse dagegen schon. Doch brennt in Rundles Charakteren ein Feuer, das Hoffnungslosigkeit zu überwinden trachtet, einer Erlösung entgegenfiebert. Vom Ende der Hilflosigkeit fantasieren Heaven und Furious Angel. Zwei Lieder von großartiger Intensität und starkem Spannungsaufbau, tolles Songwriting trifft auf einen markanten Vortrag, der sich zu zügeln versteht. Rundle muss nie die Stimme überschwappen lassen, um Hörer im Mark zu erschüttern. Zum absoluten Highlight des Albums will ich den Titelsong Marked For Death küren, den ich bereits in einem Blogpost gewürdigt habe. Vom Ton her trifft hier eine introspektive, frühe Melissa Etheridge auf den angestauten Furor einer PJ Harvey. Der Refrain „Who else is going to love someone like me, that’s marked for death?/ Who else is going to be with me when I breathe at all?/ Who else would ever take your place and hold and keep me safe?/ Who else would ever stay?“ ist in seiner Dramatik geradezu atemberaubend.

Marked For Death sehnt sich nach Geborgenheit. Es bangt und hofft, es resigniert, es setzt auf Transzendenz. Betrauert die Vergangenheit, verteufelt die Gegenwart und will mit Haut und Haar Zukunft. Und fängt auf so die Essenz menschlicher Emotion famos ein. Emma Ruth Rundle ist ein herausfordernder Seelenblues gelungen. Wer sich darauf einlassen mag, dem winkt eines der intensivsten Singer-Songwriter-Alben dieses Jahres!

markedfordeath_cover

Marked For Death ist am 30.09.2016 auf Sargent House erschienen.

Links:

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