Ein Inselrundgang – Yann Tiersen

Als elegantes, melancholiches Klavierkonzert mit minimalistischen Untertönen, stets untermalt von beschaulichen Klängen aus der Natur, derart angenehm kontemplativ präsentiert sich EUSA. Der französische Komponist Yann Tiersen hat nicht zufällig wegen seiner Filmscores Berühmtheit erlangt. Und viel von der Herangehensweise an einen Soundtrack, etwa das beiläufige Untermalen von Bildern,  findet sich auf EUSA wieder. Die 18 Stücke des Werks entpuppen sich als musikalische Vermessung der bretonischen Insel Ouessant. Tiersen lässt Szenerien auf sich wirken, wandelt dabei von Ort zu Ort. EUSA gleicht einem Inselrundgang, bei dem die pittoreske Schönheit der einzelnen Schauplätze mindestens so ansprechend ist wie die in allerlei Gedanken schweifenden Spaziergänge dazwischen.

Ein guter Soundtrack schmiegt sich an Bilder – und nicht anderes tut dieses Album auch. Diesmal sind es freilich die visuellen Eindrücke des Komponisten, die mit Klang erfüllt werden. Das Klavier tänzelt über einen Teppich an Naturgeräuschen, wiegt sich in Erinnerungen. EUSA besteht höchstens zu einem geringen Teil aus Pianofantasien, vor allem definiert es sich über Nachempfindung von Natur und über die Verbundenheit mit Heimat. Tiersen bleibt dabei angenehm dezent, versucht die Landschaft nie voll Pathos oder Inbrunst zu skizzieren. Vielmehr haftet dem Album bereits erwähnte Beiläufigkeit an, die nicht mehr als nötig andeutet. In den schönsten Momenten des Werk entwickeln sich die einzelnen Stücke zu Fußspuren, die auf den beschrittenen Pfaden verbleiben. Mit der wilden Einsamkeit und sachten Zeitlosigkeit der Landschaft verschmelzen. Wenn man einzelne Tracks herausgreifen möchte, sollte man wie in Pirouetten mit um das Idyll von Pern kreisen, in die stoische Schwermut von Porz Goret eintauchen, bei Kereon hin gen Horizont laufen, dem steten Fluss der Gezeiten von Roc’h ar Vugale zuhören, ein Stück fröhliche Geborgenheit in Penn ar Lann finden. Die Grundstimmung des Werks ändert sich zwar nie, aber allen Stücken haftet ein ganz spezielles Temperament, eine höchst eigene melodische Empfindung an.

Rauschende Wellen, krähende Meeresvögel. Und ein Piano, das der Ewigkeit eine gewisse flüchtige Note abgewinnt. EUSA benötigt nicht mehr, um eine besondere Atmosphäre zu kreiern, um Hörer mit Ouessant vertraut zu machen. EUSA ist stets über jeglichen Verdacht erhaben, einer simplen wie dumpfen Zurück-zur-Natur-Attitüde zu frönen. Yann Tiersens Inselrundgang ist in seiner beobachtenden Klarheit eher in der Tradition eines Erik Satie einzuordnen. Und eben dies sollten sowohl Fans gehobener Soundtracks als auch Liebhaber von E-Musik im Allgemeinen sicher zu schätzen wissen.

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EUSA ist am 30.09.2016 via Mute erschienen.

Konzerttermine:

11.10.2016 Leipzig – Gewandhaus
13.10.2016 Hamburg – Laeiszhalle
18.10.2016 Zürich (CH) – Tonhalle
20.10.2016 Wien (AT) – Konzerthaus

Links:

Offizielle Webseite

Projekt-Seite von EUSA

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