Frauenpower voll trockenem Humor – Half Girl

Eine angeblich unheimliche All-Girl-Super-Group, die sich als Rasselbande geriert, kann entweder verdammt keck oder unglaublich langweilig klingen. Auch Sixties-Garage und Singalong-Punkrock made in Berlin besitzen sowohl Potential für vergessenswerten Lärm als auch für eine kleine, feine Lo-Fi-Rebellion. Im konkreten Fall lohnt es sich freilich, die Ohren aufmerksam zu spitzen. Denn als Referenzen können die Mitglieder des Quartetts Half Girl unter anderem die Mitgliedschaft bei Formationen wie Britta, Die Heiterkeit oder Luise Pop vorweisen. Grund genug also, dem Album All Tomorrow’s Monsters sogar mit einer gewissen Erwartungshaltung zu begegnen. Bei beinahe allen Nummern der Platte wird diese mehr als nur erfüllt! Das Augenzwinkern der Texte und der oft parodistische Vortrag zählen zu den Stärken der Platte. Das Lied Narzissten mit Zeilen wie „Narzissten lieben mich. Soll das so sein? Ich glaube nicht. Ich glaub‘ an nichts.“ offenbart einen Humor, dessen Wurzeln man unschwer zur Hamburger Schule und zur NDW zurückverfolgen kann. Half Girl sind von der Attitüde her eher mit der Generation der Lassie Singers zu vergleichen als mit auf Krawall gebürsteten Hipster-Girl-Groups gegenwärtiger Prägung. Solch vermeintlich altmodischer Ansatz tritt auch bei fast naiven, herrlich harmlosen Melodien hervor, die von den vier Frauen jedoch gern genüsslich persifliert werden. Auf derart liebenswerte Weise jedoch, dass als Resultat eine launige Single wie Girl In A Band als Power-Pop zum Niederknien begeistert!

Eine Affinität zu Monstern durchzieht das Werk. Monster etwa kommt mit dem Refrain „There’s a monster in you that I cannot see. A monster in you, a monster in me. I give you the creeps, you scare me to hell, you smile with fangs and I cannot tell.“ daher. Was textlich recht bedrohlich wirken mag, wird durch schelmischen Gesang und einem sehr stimmigen Stilmix aus Post-Punk und charmant georgeltem Sixties-Pop konterkariert. Ähnliches gilt für die gelungene Coverversion von Psycho, welches Mord und Totschlag beichtet und dies lakonisch mit den Worten“You think I’m psycho, don’t you mama? You better let them lock me up!“ zusammenfasst. Besonders die erste Hälfte des Albums gerät zur Freakshow, wobei die Band bei Monstergang auch mal mit der eigenen Verruchtheit kokettiert. Im zweiten Teil besinnen sich Half Girl im Tonfall auf ein Hadern mit der Liebe und ihren Enttäuschungen. Die Punk-Klage Schulden beispielsweise schleudert dem Ex ein wütendes „Du schuldest mir was und du weißt, was es ist.“ entgegen. Robbie beschäftigt sich mit Abschieden, die zufällig immer dann geschehen, wenn man von Filmstars oder eben Musikern vom Schlage eines Robbie Williams – womöglich zu sehr – schwärmt. Nicht zu vergessen auch das starke Skeeter-Davis-Cover The End Of The World. „Why do the birds go on singing? Why do the stars glow above? Don’t they know it’s the end of the world, it ended when I lost your love.“ gehört zu rührseligsten Strophen, die Pop jemals hervorgebracht hat. Und obwohl die Band das Stück selbstverständlich verschrammelt, bleibt der Stachel der Untröstlichkeit dem Lied durchaus erhalten. Neben gefühligeren Stücken bleibt jedoch auch gegen der Witz nicht auf der Strecke. Lemmy, I’m A Feminist scheint auf den ersten Blick eine Hommage an Lemmy Kilmister zu sein. So ist es wohl auch gemeint, doch bei genauerer Betrachtung steckt auch eine keineswegs böse Abrechnung mit der Machokultur des Rock ’n‘ Roll dahinter.

Der Begriff Frauenpower wird heute ab und an überstrapaziert. Bei Half Girl darf man ihn besten Gewissens gebrauchen. Julie Miess (Gesang), Vera Kropf (Gitarre), Anna-Leena Lutz (Schlagzeug) und Gwendolin Tägert (Bass) stehen für eine Musik, die sowohl Absurditäten zelebriert als auch Emotionen mit trockenem Humor vorträgt. Dass der kompakt-lärmige Vortrag gern auf die Pauke haut, alles weiter auf die Spitze treibt, muss ich nicht nochmals extra betonen. All Tomorrow’s Monsters ist in seiner saloppen, quirligen Verwegenheit ein echter Hörgenuss. Weil es hier lebensweise Frauen voller Esprit – aber ohne jede Görenhaftigkeit –  ganz ordentlich krachen lassen. Vor dieser Platte, so meine ich, würde sogar der selige Lemmy Kilmister seinen Hut ziehen!

alltomorrowsmonsters

All Tomorrow’s Monsters ist am 09.09.2016 auf Siluh Records erschienen.

Konzerttermine:

11.01.2017 München – Unter Deck
12.01.2017 Regensburg – Alte Mälzerei
13.01.2017 Wels (AT) – Alter Schlachthof
14.01.2017 St. Pölten (AT) – Vinzenz Pauli
15.01.2017 Feldkirch (AT) – Graf Hugo
16.01.2017 Innsbruck (AT) – Weekender
17.01.2017 Graz (AT) – Sub
18.01.2017 Wien (AT) – rhiz

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