Gut gemeint? Sehr gut gemacht! – Moddi

Gut gemeint, so unkt man gern, sei das Gegenteil von gut gemacht. Wenn sich also ein Singer-Songwriter verbotenen, zumindest aber verpönten Liedern aus allen Teilen der Welt annimmt, darauf aufmerksam machen möchte, dass sich Musik immer auch gegen Tyrannei, Krieg und Unrecht gewandt hat, will man der Idee applaudieren. Mit der Intention allein gewinnt man freilich keinen Blumentopf.  Auch die konkrete Umsetzung muss überzeugen. Lieder des Protests haben über die Zeit deshalb ihre Wirkung entfaltet, weil sie oftmals von Menschen in Bedrängnis für unterdrückte Menschen geschrieben wurden. Kann also ein junger norwegischer Singer-Songwriter namens Moddi mit seinem Album Unsongs tatsächlich jenen Ärger, allen Zorn und die bisweilen große Verzweiflung reproduzieren, die den ursprünglichen Werken innewohnt? Und ist der Indie-Musikfan die Zielgruppe, die mit solch Attitüde etwas anzufangen weiß? Ich meine ja, ich hoffe ja.

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Photo Credit: Jørgen Nordby

Learning to kill a is a matter of habit, The more you have done it the better you’re at it.“ ist eine der Zeilen des Albums, die mich nicht loslässt. Moddi nimmt sich mit A Matter Of Habit eines Songs des israelischen Musikers Izhar Ashdot an. „These are times of danger, times of despair. No room for compassion, a soldier can’t care!“ heißt es in dem Lied weiter. Man kann sich lebhaft ausmalen, dass in einem Land, in welchem die Armee so sehr Teil des eigenen Selbstverständnisses ist und wohl leider sein muss, solch Sätze Widerspruch auslösen. Der Song ist weit davon entfernt, naiv vom Frieden zu predigen. A Matter Of Habit beklagt die Empathielosigkeit der Israelis gegenüber den Palästinensern. Die letzte Strophe „Being human is a matter of habit, a few baby steps, then you get better at it. To be for one minute, just now, just recall the opposite side of the towering walls. But our hearts have hardened along with our skin. We live in a bubble and let no one else in.“ gerät zum Appell, sich in den vermeintlichen Gegner hineinzuversetzen. Moddi selbst beweist bei dem Stück großes Einfühlungsvermögen, macht ihn zu einem Glanzlicht! Oder nehmen wir Open Letter, das sich damit beschäftigt, dass nach dem Ende der Kolonialzeit eine neue politische Kaste die Ausbeutung der algerischen Bevölkerung übernommen hat. Zeilen wie „Did you believe that they would listen just because they said they would? How naïve! They’ve always been too righteous for their own good. For you know, power is addictive to the one it wields. They have sown with evil hands and harvest our tragedy.“ werden von einer Melodie begleitet, die auf der algerischen Hymne basiert. Mag es da überraschen, dass der Aktivst und Liedermacher Lounès Matoub 1998 ermordet wurde? Dies war der Preis, den er wohl zahlen musste und zu zahlen bereit war, weil er sich gegen Mächtige stellte, weil er sich in Zeiten des aufkeimenden politischen Islams zum Säkularismus bekannte. Mit Our Worker ist eine Interpretation eines Lieds von Víctor Jara auf dieser Platte zu finden. Er ist eines der bekanntesten Opfer des Putsches in Chile 1973, bei dem das Militär unter Mithilfe der CIA den gewählten Präsidenten Allende stürzte. Ein Album wie Unsongs kommt an einer spannenden Person wie Jara natürlich nicht vorbei! Und abermals macht Moddi eine großartige Figur. Der in Our Worker geäußerte Wille, die Knechtschaft zu überwinden, in einer Gesellschaft voll Fairness und Gerechtigkeit zu leben, hat leider auch heutzutage nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Wer glaubt, dass Unsongs für das Leid tief in der Vergangenheit kramen muss, täuscht sich. Auch heute werden Regimekritiker drangsaliert und zum Schweigen gebracht. So würdigt Moddi Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010, indem er ein an das Tian’anmen-Massaker erinnernde Gedicht des Chinesen vertont (June Fourth 1989: From The Shattered Pieces Of A Stone It Begins). Das Klagelied Where Is My Vietnam? stammt vom vietnamesischen Dissidenten Viet Khang, der 2012 wegen Propaganda gegen den Staat zu Gefängnis verurteilt wurde. Moddis jungenhafte, zarte Stimme gelingt es abermals Schmerz und Verzweiflung anzunehmen, im Nachempfinden von Leid über sich hinauszuwachsen. Neben Liedern, die wegen der dahinter verborgenen Schicksale berühren, wagt sich der Norweger auch an bekannte Stücke, die lediglich in Ungnade fielen, weil sie dem Zeitgeist nicht entsprachen. Army Dreamers von Kate Bush wurde im Zuge des 1. Golfkrieges lediglich von BBC-Radios still und heimlich verbannt, weil man der Hörerschaft ein Lied über einen sinnlos gefallenen Soldaten schlicht nicht zumuten wollte. Wer unter dem Deckmäntelchen der Rücksichtnahme Lieder unter den Tisch fallen lässt, zensiert allerdings auch – und sogar perfide. Unsongs feiert die Zensierten und deckt gleichzeitig die Zensoren auf, konstatiert der Pressetext richtigerweise. Tatsächlich ist es eine Stärke dieses Werks, dass es verschiedenen Qualitäten von Zensur verdeutlicht. Nicht jedes unerwünschte Lied muss für Musiker Auswirkungen bis hin zur Furcht um Leib und Leben haben, oft genug ist dies aber der Fall.

Moddi gelingt es hervorragend, seinen Folk-Pop auf die verschiedenen Temperamente auszurichten. Seine Interpretation versucht dabei nicht krampfhaft, regionale Folklore einzufangen. Der Norweger betont zwar die kulturellen Ursprünge der Lieder, vermeidet jedoch schlichte Nachahmung. Stattdessen drückt er den Liedern seinen persönlichen Stempel auf.  Moddis skandinavische Herkunft sorgt für eine sehr klare Zuspitzung von Emotionen, lässt keine mitleidsvolle, gefühlige Grundstimmung aufkommen. Unsongs ist ein politisches Album jenseits gängiger Kampfbegriffe und Dogmen. Es will zur Sprache bringen, was zu oft verschwiegen wird. Es will die Menschen als Vorbilder sehen, die sehr unerschütterliche Visionen von Menschlichkeit und Miteinander haben. Weiters unterstreicht das Werk, dass Zensur eben keinem politischen System vorbehalten ist. Erinnert somit, dass man stets und allerorts wachsam sein sollte. Kehren wir zum Abschluss zu eingangs erwähntem Zweifel zurück. Meint gut gemeint nicht vorwiegend das Gegenteil von gut gemacht? Ist der Kampf gegen Unrecht nicht automatisch mit einer großen Portion Naivität verbunden? Ja, meistens, aber sicher nicht in diesem Fall. Moddi ist die große Ausnahme, die die Regel bestätigt!

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Unsongs ist am 16.09.2016 auf Propeller Recordings erschienen.

Konzerttermine:

06.10.2016 Berlin – Silent Green
07.10.2016 Hamburg – Häkken
08.10.2016 Darmstadt – Bedroomdisco
24.11.2016 Wien (AT) – Blue Bird Festival

Links:

Unsongs-Projektseite

Offizielle Webseite

Moddi auf Facebook

SomeVapourTrails

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