Riot Grrrls im Millenial-Blues – Deap Vally

And I am not ashamed of my mental state/ And I am not ashamed of my body weight/ And I am not ashamed of my rage/ And I am not ashamed of my age/ And I am not ashamed of my sex life/ Although I wish it were better.“ nenne ich mal eine klare Ansage! Das Duo Deap Vally geizt nicht mit der Art Selbstbewusstsein, der man besser nicht in die Suppe spuckt. Zugleich verkörpern Lindsey Troy und Julie Edwards auch den Millenial-Blues, der trotz all der vermeintlichen Freiheiten nicht recht glücklich wird. Das Album Femejism besticht mit unverschämt herbem bluesigem Indie-Rock, der ab und an herrlich angepisst dargeboten wird. Der ausgestreckte Mittelfinger ist dabei nie bloß punkiges Accessoire, sondern wird mit substanziellen Texten und strammen Melodien unterfüttert.

Ich schätze es überaus, wenn eine Platte gleich in den ersten 30 Sekunden des Openers seine Karten aufdeckt. Royal Jelly fährt mächtige Gitarren auf, kommt aufreizend verrucht daher. Wem dieser Track durch Mark und Bein dröhnt, wird am Rest große Freude haben. Gonnawanna etwa klingt im Refrain so, als hätte vor 30 Jahren eine Cyndi Lauper die Gitarrenseligkeit des Stadionrock imitiert, die Strophen beschwören ein Lebensgefühl, das sich nie unterkriegen lassen will, auf Vorschriften pfeift, alles auskosten möchte. Es ist diese ewige Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Erfüllung, die auch diese Platte antreibt. „I’m sorry I’m not sorry“ schallt es trotzig durch die Boxen. So aufsässig manch Lieder von Femejism tönen, scheinen dennoch immer wieder Selbstzweifel durch. Hinter all der vermeintlichen Unangepasstheit lauert immer auch Unsicherheit, die krampfhaft bemüht ist, Erwartungshaltungen auf die leichte Schulter zu nehmen. So etwa bei den eingangs zitierten Zeilen von Smile More. Der Track gefällt als großer, wuchtiger Rock, der sich Frustrationen von der Seele beichtet, ohne dabei irgendjemand um Vergebung zu bitten. Ein Highlight des Album! So stark Troy und Edwards bei dieser Nummer wirken, so verbittert und angewidert kommt die Lo-Fi-Ballade Critic daher. Es ist der Moment, an dem das Duo am emotionalen Tiefpunkt ankommt, die Waffen streckt. Wo alle Energie aus dem Sound weicht. Gerade im unmittelbaren Kontrast zu Smile More and dem nachfolgenden Post Funk entwickelt die Platte hier große Nachvollziehbarkeit, weil sie über gegenwärtige Geschlechterrollen hinausgeht. Weil geballter Frauenpower eben auch angeschlagene Emotionen zur Seite gestellt werden. Beim atemlosen Post Funk finden sich Deap Vally übrigens am Tanzboden wieder. Wer Gliedmaßen zappeln lassen möchte, ist mit dem aufgeregten, fiebrigen Track bestens bedient. Auch nach diesem famosen Mittelteil geht dem Album noch lang nicht die Puste aus. Man könnte das eigentlich erwarten, denn solch Intensität ist nur schwer auf 50 Minuten durchzuhalten. Doch sowohl das noise-poppige Two Seat Bike als auch das blues-rockige Bubble Baby sorgen in der Folge für Schmiss. Gegen Ende beschert Turn It Off ein nochmaliges Glanzlicht. Ein eingängiges Gitarrenriff, ein einprägsamer Refrain, all das braucht den Vergleich mit großen Vorbildern nicht scheuen. Wow!

Femejism unterscheidet sich von ähnlichen Machwerken durch ungewohnt starke Melodien, Ausflüge in unterschiedlichste Genres und natürlich eine Attitüde, die mehr als nur die x-te Manifestation von Girl-Power sein möchte. Deap Vally präsentieren sich als Millenials, die sich nicht hinter Ironie oder Verdrossenheit verstecken. Die trotz mancher Schlagseite auch Lebensfreude versprühen. Femejism entwickelt dadurch tatsächlich jene gern bemühte, jedoch selten eingelöste Authentizität. Auch deshalb möchte ich diese intensive Platte uneingeschränkt empfehlen!

Femejism_cover

Femejism ist am 16.09.2016 auf Cooking Vinyl erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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