Am Scheideweg – Anders Enda Barnet

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Mit Anfang 30 auf der schlichten Schaukel aus Kindertagen sitzen, in vielen Erinnerungen schwelgen, dabei mit der eigenen Jugend abschließen, über das Wie des Weitermachens grübeln. Wer sich in dieser Szene wiedererkennt, sollte ohne langem Zögern dem Album I Was Quiet lauschen. Hinter dem Projekt Anders Enda Barnet verbirgt sich der Schwede Anders Göransson, dem mit dieser Platte ein melodisches Stück Slacker-Pop-Rock in der Ästhetik der Achtziger gelungen ist. I Was Quiet blickt zurück, nimmt Erinnerungen dabei aber nie als Ballast wahr, und zugleich schaut es voll Fragezeichen und Erwartungen nach vorn. Es ist ein Album am Scheideweg, dass sich von diesem Umstand allerdings nicht verrückt machen lässt, Lust und Laune nie verliert. Introspektives skandinavisches Singer-Songwritertum trifft hier auf jenen sympathischen Verve, zu dem Nordlichter nicht erst seit ABBA befähigt scheinen, der auch bei gegenwärtigen Indie-Kapellen oftmals auftaucht. Sehen wir uns also ein paar Titel kurz näher an.

Wo nur sind sie hin, die Zeiten von REO Speedwagon oder auch Van Halen? An eben jene Bands erinnert mich der mit schmissigem, orgelndem Gitarrenrock imponierende Opener This City Is Dark And Silent. Natürlich ist dem Song eine Prise Indie beigemengt, an dem Gefühl einer Zeitreise ändert das dennoch nichts. Wem hier nicht die Nostalgie ins Herz kriecht, der hat vor allem in der ersten Hälfte der Achtziger kein Radio gehört. Darauf folgt überraschend das Synthie-Pop-Stück I Was Quiet Back Then. Was auf den ersten Blick als Stilbruch anmutet, ist als Teil dieser musikalischen Zeitreise geradezu logisch. Den Refrain „You look old but you’re young at heart / Now you’re the oldest guy at the skateboard park/ They die/ Your heroes, they die“ mag jeder nachvollziehen können, der sich an einem Ort oder bei einer Veranstaltung schon einmal zu alt gefühlt hat. Die Jugend und die damit verbundene Unschuld verabschiedet sich oft, ohne dass man es bemerkt – oder dies registrieren will. Diese zwei unterschiedlichen Songs sind die frühen Glanzlichter einer Platte, die auch in der Folge mit launiger Melancholie punktet. Bei My Diagnosis gelingt es Göransson, eine wohl vielen bekannte Lebensattitüde („Learn by doing is what I’m doing all the time/ That’s my diagnosis“ ) in wenigen Worten zusammenzufassen. Mit jedem Lied dringt man tiefer in einen schön ausgestalteten Ü-30-Gefühlskosmos vor. In einen, der gesellschaftlichen Erwartungshaltungen (noch) nicht entsprechen will. Folgerichtig muss der Satz „I won’t change my ways for you“ fast zwangsläufig fallen, was er auch bei Change My Ways tut. Was auf einem übers Leben grübelnden Album natürlich keinesfalls fehlen darf, ist eine Verliererballade wie I Have Passed It On, bei der sich Göransson ans Piano setzt und den Blues hat. Der Track lässt zwar die Pop-Rock-Leichtgängigkeit der übrigen Lieder vermissen, bleibt aber gerade deshalb im Gedächtnis. So stark das Album anfängt, so famos endet es. I’m Thinking About The Beast fühlt sich am falschen Ort gefangen, wird von kleinstädtischer Enge erdrückt. Jene vermeintlich heile Welt, versinnbildlicht durch einen Kinderchor der christliche Lieder singt und von weißen Weihnachten trällert, wirft einen Schatten auf die eigene Seele des Protagonisten! Die Nummer unterstreicht all die Fertigkeiten des Schweden. Um eine ansprechende Melodie wird ein detailreicher Sound arrangiert, der nur selten das Soloprojekt ahnen lässt. Dafür sorgen unter anderem Synthesizer, eine Farfisa-Orgel, ein Piano von Fender Rhodes und sogar eine Video-Spiel-Konsole.

Anders Enda Barnet ist ein meiner Meinung nach schön ausbalanciertes Album geglückt, das durch nostalgischen Charme beglückt. Darüber hinaus entwickelt I Was Quiet noch eine bittersüße Nachdenklichkeit, in welche man sich als Hörer hineinversetzen kann. Die Beiläufigkeit dieser unangestrengten Sinnsuche ist ein weiterer Pluspunkt. Gerade weil es nie auf Bedeutungsschwere abzielt, erlangt es Gewicht. Dieses feine, nie langweilige Album sei speziell der Ü-30-Fraktion unter den Lesern sehr ans Herz gelegt!

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I Was Quiet ist am 18.11.2016 auf popup-records erschienen.

Konzerttermine:

12.02.2017 Offenbach – Hafen2 (early show – 4pm)
13.02.2017 Köln – Die Wohngemeinschaft
14.02.2017 Hamburg – f+k
15.02.2017 Greifswald – Kulturbar

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