Ein Stück Ewigkeit – Josienne Clarke & Ben Walker

Heute will ich den werten Lesern ein zeitgenössisches Chamber-Folk-Album schmackhaft machen. Overnight ist eine Platte, die nicht nur Hörer zu entzücken vermag, sie kann auch aufstrebenden Musiker als Blaupause dienen. Sogar bewährte Veteranen, die sich hin zu kammermusikalischem Folk entwickeln wollen, sollten die Ohren spitzen. Dem britischen Duo Josienne Clarke & Ben Walker gelingt ein in der Form vollendetes Werk. Eine dem Folk immanente Melancholie wird vom ergreifenden wie schlichten Gesang Clarkes sowie von Walkers akkustischer Gitarre hervorragend eingefangen. Um diesen traditionellen Kern werden weitere Instrumente gruppiert. Stets mit Bedacht, nie ausufernd. Hier ein paar Takte Klavier, dort ein dezenter Kontrabass,  Streicher, wo sie sinnvoll scheinen, sogar ein klagendes Saxofon findet Platz. Manch Stücke transzendieren in eine warme Nachdenklichkeit, wie man sie von hippiehaften Songwriterinnen der Siebzigerjahren kennt, andere Lieder wieder bleiben nahe am archaischen Flair des Folk.

Overnight beeindruckt durch ein wehmütiges, sachtes Erzählen. Something Familar etwa erinnert im Ton an die bittere Süße einer Country-Ballade. Sweet The Sorrow dringt aus einer um Fassung bemühten Einsamkeit hervor. Glockhell und edel präsentiert sich dieses Lied, trotzdem glaubt man regelrecht zu spüren, wie die Stimme gegen Tränen und Schluchzen ankämpfen muss. Dawn Of The Dark orientiert stark an althergebrachter Folkmusik, die sich bekanntlich sehr oft vor der unabänderlichen Last des Schicksal in Sehnsucht und Erinnerung flüchtet. Die gegen Ende einsetzenden Flöten gleichen einem Abgleiten in ein Idyll, welches alle Klagen vergessen lässt. Mit Weep You No More Sad Fountains liefert das Duo eine famose Interpretation dieses alten Lieds. Josienne Clarkes Darbietung der Zeilen „Sleep is a reconciling/ A rest that peace begets. Doth not the sun rise smiling/ When fair at even he sets? Rest you then, rest, sad eyes/ Melt not in weeping/ While she lies sleeping“ gerät zum Inbegriff von Folk. Ebenfalls außergewöhnlich fällt Milk And Honey aus, bei dem man Sandy Denny oder Joni Mitchell als Einflüsse anführen kann. Die letzten zwei Lieder definieren die Bandbreite, in der sich dieses Album bewegt. Doch gibt es eine große Ausnahme, die stutzen lässt. The Waning Crescent will mit seiner dezent-retroesken Pop-Lieblichkeit nicht ganz auf dieses Album passen. Denn alles Songwriting dieses Werks ist in seiner Getragenheit geradezu Gegenentwurf zum Pop. So auch der Titeltrack Overnight, eine nach all der Schwermut dieser Platte beinahe versöhnliche Ballade.

Zeitlose Kontemplationen, im Kern karg gehalten und sorgfältig ausgestaltet, derart präsentiert sich Overnight. Laut Pressetext sind die Lieder auch als „Schnappschüsse des endlosen Tageszeitenwechsels von der Nacht zum Tag und zurück zur Nacht, vom Morgenlicht zum Halbdunkel des frühen Abends, der schwarzen Nacht und zurück zur grauen Morgendämmerung“ zu begreifen. Und tatsächlich findet sich in dem Werk ein Stück stoische Ewigkeit, die allen Kummer, alle Sorgen, alle Dunkelheit, aber auch alle Schönheit, alles Glück, alle Helle verstreichen lässt. Diese Art Trost scheint dem Folk eigentlich immanent. Auch in dieser Hinsicht schreibt das Duo Josienne Clarke & Ben Walker also die Tradition des Genres fort, ohne dabei altmodisch oder gar puristisch zu sein. Overnight hebt sich wohltuend von dem oft ein wenig seichten Folk-Pop der Gegenwart ab. Es imponiert als feines melancholisches Kleinod, dem man unbedingt Gehör schenken sollte!

overnight_cover

Overnight ist am 14.10.2016 auf Rough Trade erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Josienne Clarke & Ben Walker auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.