Fast alles wie gehabt – Hope Sandoval & The Warm Inventions

Musikalische Weiterentwicklung wird meist überschätzt. Wenn man das, was man macht, in großartiger Manier macht, besteht wenig Grund für Veränderung. Und deshalb widmet sich Hope Sandoval weiterhin jenen Klängen, die sie in absoluter Perfektion beherrscht. Zusammen mit ihrem kongenialen Partner David Roback ist sie durch Mazzy Star längst zum Inbegriff von Dream-Pop geworden. Das vor über 15 Jahren mit Colm Ó Cíosóig gegründete Projekt Hope Sandoval & The Warm Inventions setzt den Akzent eher auf psychedelischen Dream-Folk. Während der 17 Jahre dauernden Schaffenspause Mazzy Stars hat Sandoval mit The Warm Inventions einen Sound geschaffen, dessen reduzierte Instrumentierung den verhuschten Gesang noch weiter in den Vordergrund rückt. Schon das 2013 veröffentliche Mazzy-Star-Comeback Seasons Of Your Day hat die ohnehin eher in Details liegenden Unterschiede zwischen den beiden Formationen endgültig verwischt. Diese Entwicklung setzt sich auf Until The Hunter, dem mittlerweile dritte Studioalbum mit The Warm Inventions, fort.

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Aufgrund der melodischen Charakteristik und dem Gitarren-Twang gerät Treasure zu einem absolut klassischen Stück Mazzy Star. Es weckt Erinnerungen an die guten, alten Zeiten der Neunziger, lässt sich irgendwo zwischen dem Debüt She Hangs Brightly (1990) und So Tonight That I Might See (1993) verorten. Ohne die Qualität der übrigen Tracks in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, darf man bei diesem Song von einem Glanzlicht der Platte sprechen. Fans der ersten Stunde wird wohlige Nostalgie überwältigen! Doch auch der Rest des Albums ist von speziellem Reiz. Etwa die bittersüße Country-Seligkeit von The Peasant. Oder die New-Weird-America-Ballade A Wonderful Seed, in der ein ungewohnt erzählender Vortrag eine altmodische Geistermär vor dem Hörer ausbreitet. Apropos Schauermärchen! Das über neun Minuten dauernde Into The Trees besticht dank einer unheimlichen Orgel, gespenstischen Drones und dem dumpf-monotonen Schlagzeug mit einer geheimnisvollen, psychedelischen Grundstimmung. Angesichts der düsteren, modrigen Friedhofsatmosphäre sorgt Sandovals gehauchtes „I miss you“ für Gänsehaut. Konventioneller gerät da das soulige Country-Duett Let Me Get There, bei dem sich Sandoval einen eher überraschenden Partner auserkoren hat. Doch ist Kurt Vile eine gute Wahl, weil er seinen Part fast verlegen, zumindest aber zurückhaltend anlegt. Über siebeneinhalb Minuten jamt der Song dahin, ohne einem Höhepunkt entgegenzusteuern. Erweist sich im bestmöglichen Sinne als Easy Listening. Day Disguise wiederum ist mit der folkig-lieblichen Gitarre und dem tagträumerischen Gesang ausgesprochen typisch für Sandovals The Warm Inventions. Diese Nummer hätte zweifellos auch auf das Debüt Bavarian Fruit Bread (2001) gepasst. Den zweiten Teil des Albums eröffnet Salt Of The Sea, dessen Flair an einen plüschigen Nachtclub erinnert. Eine bluesige Gitarre, eine für ihre Verhältnisse fast laszive aufgelegte Sängerin, viel mehr braucht es nicht, um zu betören. Dem steht das fast aufgekratzte Isn’t It True gegenüber, das fast unschuldig aus der Wäsche schaut. Frau Sandoval ist zwar keine Zwanzig mehr, besitzt jedoch noch immer eine starke Jugendlichkeit und Frische in der Stimme. Man käme nie und nimmer drauf, dass zwischen einem Indie-Hit wie Fade Into You und Isn’t It True mehr als zwei Dekaden liegen. Die Grenzen, die ihrer Zusammenarbeit mit Colm Ó Cíosóig gesetzt sind, werden bei I Took A Slip aufgezeigt. Denn Ó Cíosóig, obwohl als Mitglied der legendären My Bloody Valentine selbst kein Unbekannter, ist halt kein David Roback. Wo letzterer eine kompakte Melodie und eine verhallte E-Gitarre im Köcher hätte, wird das Lied hier von einer deftigen Akkustikgitarre und rhythmischem Händeklatschen getragen. Es entwickelt einen nicht ganz zufriedenstellenden Unplugged-Touch, daran können auch die aus dem Hintergrund jaulenden Effekte nichts ändern. Doch versöhnt das Album sogleich mit einer richtig starken Darbietung. Liquid Lady gefällt als elegant-bluesiger Abschluss, der die geringfügigen Zweifel an diesem Projekt samt und sonders zerstreut. Wie Sandoval fast zufällig in die Rolle der Femme Fatale schlittert, zählt zu den stärksten Momenten der Platte!

Hope Sandoval & The Warm Inventions haftete lange der Makel, dass die Kollaboration mit Colm Ó Cíosóig lediglich die Zeit bis zum nächsten Mazzy-Star-Album überbrücken sollte. Darauf sollten Fans jedoch noch eine Ewigkeit warten müssen. In der Zwischenzeit hat sich The Warm Inventions als zweites Standbein etabliert. Natürlich wird sich auch Until The Hunter immer am Schaffen Mazzy Stars messen lassen müssen. Doch kann man spätestens durch diese Platte begreifen, weshalb Hope Sandoval keinen Gedanken daran verschwendet, dieses Projekt aufzugeben. In einem Interview mit Consequence of Sound fasst Ó Cíosóig de Reiz der gemeinsamen Arbeit wie folgt zusammen: „We kind of see ourselves as experimental in a way, even though we don’t sound it. That means we can go anywhere we want with no restriction. It’s not that our other bands, Mazzy Star and My Bloody Valentine, have restrictions, but there’s a certain sound in those bands. Hope and I have a sound, but it’s always changing and morphing into different things while still carrying a similar thread.“

Tatsächlich gewinnt dieses Album mit jedem weiteren Hördurchlauf einen ganz eigenen Charakter. Natürlich bleibt Sandoval stets die magische Sandoval, selbstverständlich wird man fast unwillkürlich an Mazzy Star erinnert. Doch sorgen psychedelische oder bluesige Akzente, verbunden mit akustisch-luftigen Sphären, dafür, dass Until The Hunter nicht bloß zum Nebenschauplatz verkommt. Manchmal verkörpert das Werk sogar jene Weiterentwicklung, die ich eingangs noch als nicht notwendig abgetan habe. Es ist fast alles wie gehabt. Aber eben nur fast – und das ist gut so! Denn in dem Maße, in dem es an bewährten Klängen festhält, in dem Maße wagt es bei Into The Trees oder A Wonderful Seed auch neue Ausgestaltungen des Sounds. Daher das Fazit: Wer Mazzy Star verehrt, braucht in dieser Platte keinesfalls nur ein Trostpflaster zu sehen.

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Until The Hunter erscheint am 04.11.2016 via Tendril Tales/INgroove.

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