Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 22

Gegen ein gut angelegtes Sakrileg spricht rein gar nichts. Um Weihnachten herum ist die Heuchelei ohnehin am größten. Was da alles vorgegaukelt wird, ist schwerlich zu ertragen. Da erscheint die ehrliche Provokation weitaus verdaulicher. Und natürlich ist es eine Provokation, wenn man Jesus aus traditionellen Weihnachtsliedern tilgt, ihn etwa durch das Wort Liebe ersetzt. The Royal Orchestra of Titicaca geht jedoch noch einen Schritt weiter. Das Album Earthling Hymns of Christmas Past gerät zu einer Erlösungsfantasie, in der Außerirdische Erleuchtung bringen. Es ist ein radikales Konzept, welches Religion überwindet, ohne auf die Freudigkeit eines Festes verzichten zu wollen. Zugleich ist dieses Werk durchaus zeitgemäß, weil die Säkularisierung von Weihnachten längst nicht mehr aufzuhalten ist. Marcelo Radulovich, seines Zeichens in Kalifornien lebender chilenischer Künstler, gelingt mit diesem bizarren, subversiven Album sehr wahrhaftiger Trash. Denn all der kitschige Bombast, mit dem Weihnachten überfrachtet wird, hat Weihnachten längst zur Groteske werden lassen, in der der Weihnachtsmann und Grinch zusammen auf einem Coca-Cola-Laster am nächtlichen Firmament herumdüsen, dabei heftig Glühwein bechern.

Earthling Hymns of Christmas Past definiert sich auch über seinen Humor. Das längst zur schaurigen Fröhlichkeit verkommene Jingle Bells wird hier als mit Bläserfanfaren und Stechschritt vorgetragenes Lullaby wieder zum Hörgenuss. Solch nette Schrulligkeit tut gut. Das heiser intonierte Deck the Halls dagegen klingt nach Elfen, die sich als Außerirdische verkleiden und übermütig herumhüpfen. Das schleppend intonierte Silent Night gerät gar zum Trauermarsch. Diese ironische Brechungen haben gerade gegen Ende der Weihnachtszeit eine fast befreiende Wirkung, sie wirken wie eine kalte Dusche, die all den schleimigen Glibber der Weihnachtsschlager entfernt. Und ehrlich, Joy to the World mit seinen beredten Gitarrenpassagen fällt wesentlich andächtiger aus als all das jubilierende Geträller, das das Lied sonst dominiert.

Hier hat jemand sehr viel Herzblut und Freude in die Dekonstruktion von Weihnachten gesteckt. Vielleicht damit aber ein Stück Weihnachten gerettet. The Royal Orchestra of Titicaca – was für eine Name übrigens! – gelingt mit Earthling Hymns of Christmas Past eine verspielte, satirische Platte, die mit ihrem überkandidelten Sci-Fi-Fantasy-Appeal all die Traditionen infrage stellt, die das vermeintlich christliche Fest längst überlagern. Das muss man sich mal trauen. Nicht etwa deshalb, weil solch Zugang ein Sakrileg wäre. Aber was wäre die beste Idee ohne smarte Umsetzung? Diese freilich ist definitiv geglückt!

Earthling Hymns of Christmas Past ist am 07.11.2016 auf Titicacaman Records erschienen.

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