Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 6

All der weihnachtliche Enthusiasmus ist keine Garantie dafür, dass eine Liebhaberei tatsächlich große Freude beschert. Zugleich sind jede Menge Herzblut und aufrichtige Verbundenheit mit dem Fest die allerbeste Voraussetzung für eine mehr als gelungene Weihnachtsüberraschung. Seit vier Jahren schon hat es sich der Snowflakes Christmas Singles Club aus den Niederlanden zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr ein paar feine, sehr sorgsam ausgewählte weihnachtliche Singles zu veröffentlichen. Diese Editionen kommen ganz altmodisch auf Vinyl daher, dieses Jahr in festlichem Schneeweiß. Der Snowflakes Christmas Single Club betreibt beste Traditionspflege, bereitet auch ein echtes haptisches Vergnügen. Der Fokus auf ein originales Weihnachtslied als A-Seite und eine Coverversion auf der B-Seite ist ebenso eine tolle Idee. Die liebevolle Aufmachung allein wäre jedoch gar nichts wert, wenn sich nicht auch jedes Art Musiker finden würden, die den perfekten Rahmen mit tollen Klängen veredeln. Das ist auch im vierten Jahr des Bestehens wieder geglückt. Bestens sogar!

Beginnen wir gleich mit einer echten Entdeckung. Die britische Formation The Manhattan Love Suicides beschreibt ihren Sound auf ihrer Facebook-Seite wie folgt: „For anyone who loves fuzzed up guitar assaults, feedback, hit and run gigs, female vocals, melodic pop, ear splitting minimalist noise and hated a hell of a lot of other things“. Und in der Tat löst der Song Look Who’s Coming To Town (Please Let It Snow) die versprochene ungezügelte Wildheit ein. Snowflake Christmas Single Club selbst beschreibt den Track derart perfekt, dass ich mir eine eigene Einschätzung sparen kann: „‚Look Who’s Coming To Town (Please Let It Snow)‘ sounds like the script of a 1960s horror movie, but of the kind that you only find in that dusty cult video store somewhere in a dark alley of a mediumsized city.“. Auch das B-Seiten-Cover Grandma Got Runover By A Reindeer gerät einzigartig, besticht als shoegazige Ballade, die den schwarzen Humor des Songs nie vordergründig präsentiert. Wer The Manhatten Love Suicides bisher nicht auf dem musikalischen Radar hatte, sollte schnellstens die Antennen ausfahren!

Aber damit nicht genug. Hannah Epperson, deren Qualitäten ich erst vor einigen Wochen ausgiebig gewürdigt habe, steuert ebenfalls zwei Lieder zum Snowflakes Christmas Single Club bei. Raise A White Flag klingt wie eine minimalistische, experimentelle Interpretation eines Stücks aus dem Great American Songbook, stammt jedoch aus Eppersons Feder. Man wird dabei irgendwie das Gefühl nicht los, als hätten es sich beim Schreiben des Stücks Regina Spektor als Engel und Björk als Teufel auf Eppersons Schultern bequem gemacht. Auch ihrer kammermusikalische Interpretation von Dreaming Of A White Christmas ist jedwede schmalzige Sentimentalität fremd. Eine weitere gelungene Single! Wer mehr auf Retro-Power-Pop steht, sollte schließlich auch bei Rope Store hellhörig werden. Never Had Christmas wird mit Glam-Rock-Anleihen ordentlich aufgepeppt. Eine höchst sympathische Nummer!

2016 ist ein hervorragender Jahrgang der Snowflakes Christmas Singles Club. Dieses Projekt müsste man auf der Stelle aushecken, wenn es nicht längst schon gäbe. Feine weihnachtliche Lieder zu komponieren, ist die eine – zugegeben schwierige – Sache, diese dann aber derart ansprechend und liebevoll zu präsentieren, scheint mir ein mindestens genauso bewunderswertes Unterfangen. Möge es noch viele Ausgaben des Snowflake Christmas Singles Club geben!

Die Snowflake Christmas Singles sind am 25.11.2015 erschienen und via Bandcamp und Big Cartel bestellbar.

Links:

Blog von Snowflakes Christmas Singles Club

Snowflakes Christmas Singles Club auf Facebook

The Manhattan Love Suicides auf Facebook

Offizielle Webseite von Hannah Epperson

Rope Store auf Facebook

SomeVapourTrails

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