Berlin als Großstadtdschungel erfahren – Jay Daniel

Mit urbanen Beats, die ausgesprochen funky daherkommen, möchten wir ins Musikjahr 2017 starten. Ja, das Album von Jay Daniel ist zwar schon im November des vergangenen Jahres erschienen, aber irgendwie wollte Broken Knowz nicht so recht in die adventliche Stimmung passen. Nun aber, wo sich der Alltag wieder eingestellt hat, fällt mir momentan kaum eine bessere Platte ein, die man auf den Kopfhörern haben könnte, während man durch eine Stadt wie Berlin spaziert. Broken Knows imponiert mit einem spannenden wie beiläufigen Groove, der die Stadt in einen Dschungel verwandelt. Die Rhythmen des Werks haben Seele, die Beats werden von akustischer Percussion gestützt, dazu experimentiert Daniel noch mit jeder Menge Keyboards und Synthies, beweist ein Händchen für Samples. Dieses Debüt versprüht exotisches Flair, das oft so gar nicht zur gängigen Vorstellung vom Ghetto-Biotop Detroit passen will.

Photo Credit: Devin Williams

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, sollte sich zum Beispiel Paradise Valley zu Gemüte führen. Und sich in die Beschreibung des Tracks auf NPR vertiefen. Analyse und Hintergrundwissen in dieser Art sind meiner Meinung nach echter Musikjournalismus in Bestform. Meine persönliche Lieblingsnummer des Albums ist Niiko, weil es die bereits beschriebene Dschungelatmosphäre als aufgeregten, unruhigen Flow präsentiert. Ein farbenfrohes Stück Afrika trifft hier auf urbane Electronica. Klasse! Bereits der Titel von 1001 Nights suggeriert, das sich unter dem klopfenden Beat und einer wie Kamelgetrabe wirkenden Percussion orientalische Sinnlichkeit verbirgt, die von Synthie-Schauern im Verlauf mysteriös verklärt wird. Daniel versteht es, seine Musik mit Assoziationen zu belegen! Wie in Trance, von der souligen Historie Detroits beseelt tönt Knowledge of Selfie. Auch in dem für die Platte eher uncharakteristisch repetitivem Stück lauert große Qualität. Das mit anderhalb Minuten als Interlude angelegte Boolin erinnert unwillkürlich an den vom unvergesslichen J Dilla geprägten Sound, erübrigt damit auch die Frage nach Daniels Vorbildern. Das finale Yemaya fußt einmal mehr auf dem Kontrast, der Broken Knowz ausmacht. NPR bringt es wie folgt auf den Punkt: „Daniel’s live drums talk in South African house riddims but the synth arpeggios are all about local techno deities.

Broken Knowz steht für besten Großstadtdschungelsound, der fraglos in einer Tradition steht, diese jedoch nie mit zwanghafter Hipness aufpeppen will. Jay Daniel setzt lieber auf Exotik – und die trägt das Album famos. Dass jene vermeintliche Fremdheit in den letzten Jahrzehnten auch deutsche Städte erreicht und die allgegenwärtige Piefigkeit abgelöst hat, ist eine große Bereicherung, für die man in Berlin überwiegend dankbar sein muss. Wer diese Musik im Ohr hat und offenen Auges durch Kreuzberg flaniert, wird auf Anhieb begreifen, was ich meine!

Broken Knowz ist am 25.11.2016 auf Technicolour/Ninja Tune erschienen.

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