Das Wunder Leben – Rebekka Karijord

Ich bewundere Menschen, die mit sich völlig im Reinen scheinen. Die mit klarem Blick und aufrichtiger Emotion auf das blicken, was ihnen wichtig ist. Die sich mit der Umwelt im Einklang befinden, alle Ärgernisse und Nebensächlichkeiten abzuschütteln vermögen. Den Sinn der eigenen Existenz zu begreifen, ohne dabei in ein Hadern zu verfallen, ist eine große Kunst. Das Album Mother Tongue der Norwegerin Rebekka Karijord vermittelt genau jene Gemütsruhe. Im Falle von Karijord war es die dramatische Frühgeburt ihres ersten Kindes, die solch beneidenswerten Seelenfrieden hervorbrachte. Das Resultat ist eine innehaltende, umwerfend schöne Platte, die edelstes skandinavisches Songwriting verkörpert. Schauen wir uns das Werk doch kurz näher an!

Diese Platte ist eine Aufarbeitung intensivster Erfahrungen. Das ist ihre große Stärke, bisweilen sogar eine kleine Schwäche. Mother Tongue will uns tief ins Innerste vordringen lassen, im konkreten Fall mindestens so sehr ins Herz wie in den Uterus der Musikerin. Schon der Opener Morula widmet sich der Entstehung neuen Lebens im Leib der Mutter. Der Sound ist hörbar um Enge bemüht, fast wirkt es, als wäre ein Kammerorchester in ein jeden Hall schluckendes Kabuff gesteckt worden. Solch Opulenz auf kleinstem Raum vermag zu faszinieren. Umso mehr als das nachfolgende Waimanalo den Eindruck völlig kontrastiert. Es träumt sich nämlich an einen Strand fort, Wellen gehen in Gischt auf. Musikalisch wird hier Weite gemalt. Percussion und ein beredtes, weit mehr als nur den Rhythmus angebendes Schlagzeug und eine von Keyboard, Klavier und Synthies geprägte Tastenherrlichkeit prägen den Song. Und Karijords ausladender, gemessener Gesang scheint über allem zu schweben. Als wäre das beschriebene nicht schon exquisit genug, versteckt sich hinter dem Titel I Will Follow You Into The Wild ein ganz traditioneller hawaiianischer Chant. Es ist ein spirituelles Zwischenspiel, das erst im Nachhinein Sinn ergibt. Ein Stück weit muss man sich Mother Tongue nämlich zusammenpuzzlen, selbst auf die Gefahr hin, dass eine Edel-Pop-Nummer wie The Orbit dabei auf der Strecke bleibt. Your Name widmet sich wieder dem Hauptantrieb des Werks, beschreibt die Geburt. Zärtlich und schonungslos. Six Careful Hands rührt als Klavierballade über das fragile Neugeborene („You weigh more than the sun, the stars, the moon, the universe„) natürlich ebenso das Herz. Je mehr Karijord Erlebtes abstrahiert, desto mehr Platz ist für einen komplexer ausgestalteten Sound. Home beispielsweise ist ein instrumentaler Genuss, etwa wenn das Klavier zerberstende Tropfen nachahmt. In diesem Song kann man versinken, geradezu darin aufgehen. Kontrabass und Percussion und mehrstimmiger Gesang machen das folgende Stones zu einer ebenfalls unwiderstehlichen Nummer, die mich an eine Shara Worden alias My Brightest Diamond denken lässt. Eine bessere Referenz kann man schwerlich nennen! Ab und an schimmert der Einfluss von Landsfrau Ane Brun durch, auch diese Beobachtung ist als Kompliment zu verstehen. Wenn man der Platte mit Kritik begegnen möchte, könnte man das bestenfalls im letzten Drittel tun. Statistics übertreibt es mit der gesanglichen Inbrunst ein bisschen, allerdings wird diese Emotion abermals von gelungenem Songwriting eingefangen. Das jedoch lässt sich nicht über den Titeltrack Mother Tongue sagen, dem weniger Pathos deutlich besser zu Gesicht gestanden wäre. Der Backgroundchor gibt der Ballade eine Schwülstigkeit, die es zumindest meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Und auch Mausoleum als Hymne an all die Frauen, die viel sich auf sich genommen haben, bleibt leider eher bemüht.

Kommen wir zum hawaiianischen Chant zurück, der sich als verpasste Chance erweist. Eventuell wäre das über weite Strecken großartige Mother Tongue noch gelungener, wenn Rebekka Karijord die spirituelle Schiene weiter verfolgt hätte. Die Geschichte einer Frühgeburt und dem Bangen bis hin zum Happy End hätte mit weiterer hawaiianischer Folklore gut ausgestaltet werden können. Womöglich wäre das die bessere Option als berechenbare Lobhudeleien auf die Mutterschaft gewesen. Bevor jedoch der Eindruck entsteht, dass ich dem Album seine Meriten abspreche, möchte ich lieber unterstreichen, was ich eingangs erwähnt hatte. In zahlreichen Momenten strahlt es Seelenfrieden und Sinnfindung aus. Und wenn sich dann noch detailreiches, überwältigendes Songwriting dazugesellt, verfehlt dieses Werk seine Wirkung nicht. Dann lässt sich das Wunder Leben ein Stück weit begreifen. Was mehr darf man sich von einem Album wünschen?

Mother Tongue ist am 27.01.2017 auf Control Freak Kitten Records erschienen.

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