Der alte und neue Kampf um Heimat – Tinariwen

Heimat ist nichts, dessen man beim achtlosen Blick durchs Küchenfenster ansichtig wird. Heimat offenbart sich bestenfalls in besonderen, erhebenden Momenten. Mehr noch aber in der Sehnsucht, wenn Heimat zum verlorenen Paradies erwächst. Tinariwen können das eine oder andere Lied darüber singen! Die Wurzeln der Formation liegen in algerischen Flüchlingslagern, in welchen die erste Generation der Musiker aufwuchs, da das Volk der Tuareg seit den Sechzigern in Mali verfolgt wurde. Was Ende der Siebzigerjahre als loses Kollektiv musikalisch Gleichgesinnter entstand, war zunächst Ausdruck des Widerstands und der Bitterkeit des Exils. Die Inhalte der Musik fokussierten sich natürlich stark auf das Thema Revolution und bereiteten somit den geistigen Nährboden für die 1990 begonnene Rebellion der Tuareg, die letztlich in einem Friedensvertrag mit der malischen Regierung mündete. Doch Geschichte wiederholt sich. Auch die nächste Generation, die nun neben der alten zu den Instrumenten greift, sieht sich abermals mit Vertreibung und dem Fehlen von Heimat konfrontiert. Sein ein paar Jahren treiben die islamistischen Extremisten von Ansar Dine in der Region ihr Unwesen. Solch Musik, die der Einklang mit Tradition und Lebensraum umtreibt, ist reaktionären, repressiven Eiferern selbstverständlich ein Dorn im Auge. Das neue Album Elwan erfährt seine Existenzberechtigung allein schon darin, dass es sich schlicht nicht unterkriegen lässt. Tinariwens zwischen Moderne und Folklore verorteten Wüstenblues weiter kultiviert.

Die Bürde der eigenen Geschichte mag den bitteren Grundton der Platte erklären. Elwan verzweifelt jedoch nicht an der Welt. Tinariwen mögen mit gegenwärtigen Verhältnissen hadern, doch haben all die Widrigkeiten die Band erst zu glaubhaften Verfechtern von Freiheit und kultureller Identität gemacht. Einem inneren moralischen Kompass folgend beschreitet die Formation unerschüttert weiter den eingeschlagenen Weg der Besinnung auf die eigenen Herkunft. Vom Sound her verlässt sich die Platte einmal mehr auf famose Percussion, kräftige Gitarren und eindringlichen Gesang. Manche der Stücke halten inne, geraten zur Meditation oder sachten Klage. Andere wiederum sind widerständlerisch wie eh und je, pulsieren geradezu. Letzteres führt der Opener Tiwàyyen mit seinem herben Esprit exemplarisch vor. Ersteres springt beim atmosphärischen Ittus ins Auge, wenn der Track nachdenklich bis unglücklich in die Weite schweift. In solch einem Moment wirken die Mannen von Tinariwen angesichts der Mächtigkeit der Wüste und der Frustration der Lebensumstände ganz klein. Auch Ténéré Tàqqàl ist voller Klage, liest in in den Gesichtern der Unschuldigen, die in schweren Zeiten keine Solidarität mehr erfahren. Erzählt davon, dass die Stärksten ihren Willen durchsetzen und die Schwächsten zurücklassen würden. Viele wären gestorben und sämtliche Freude wäre gewichen. Man sei von der Falschheit erschöpft. Diesen Lyrics steht eine versonnene Melodie entgegen. Ein starker Kontrast! Abermals einen anderen Akzent setzt das rustikale Talyat, das förmlich zum Tanz einlädt. Doch auch hier wird folkloristische Percussion von einer E-Gitarre untermalt. Bei aller Traditionalität sind Tinariwen fraglos Erneuerer der eigenen Kultur, westlichen Einflüssen stets aufgeschlossen. So ist es denn auch kein Zufall, dass Mark Lanegan bei Nànnuflày auf einen Gastauftritt vorbeischaut. Beim Song aus der Feder Eyadou Ag Leche, einem aus der zweiten Generation von Bandmitgliedern, ist die Verinnerlichung moderner Einflüsse bereits ausgeprägt, scheint das Call-and-Response-Prinzip noch der stärkste Hinweis auf die nordmalische Provenienz. Das soll freilich nicht bedeuten, dass das Songwriting von Bandgründer Ibrahim Ag Alhabib und Urgestein Abdallah Ag Alhousseyni nicht ebenfalls mit den Jahren immer brillanter wird. Vermutlich lässt sich das Kompliment ausgerechnet am vermeintlich unscheinbarsten Stück von Elwan am besten festmachen. Arhegh ad annàgh ist so simpel wie gelungen. Warmen und bekenntnishaften Sprechgesang, bestärkt von einem Chor, dazu schlichte, stoische Percussion und ein entspanntes Wechselspiel von Bass und Gitarre, mehr braucht es für dieses Kleinod nicht.

Eines der Erfolgsgeheimnisse von Tinariwen habe ich bereits angerissen, dennoch sei nochmals explizit darauf verwiesen. Die fortdauernde Weiterentwicklung des Kollektivs ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die alten Recken nicht in den in Jahrzehnten angehäuften Lebenserinnerungen schmoren, sondern durch frisches Blut auch neue Perspektiven entwickeln. Den heimatlos geborenen Mitgliedern stehen längst jene zur Seite, die sich Heimat nicht erst erkämpfen mussten. Weil nun auch die Nachgeborenen unmittelbar mit Vertreibung und Exil konfrontiert sind, wächst der Erfahrungshorizont innerhalb der Band. Was längst zur weltmusikalischen Wohlfühloase verkommen könnte, gewinnt durch die Entwicklungen der letzten Jahre weitere Vehemenz, vertieften Schmerz – und erreicht so Schönheit von ungeahnter Größe. Tinariwen stellen Elwan heute und morgen live in München und Berlin vor. Dieses Konzerterlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen!

Elwan ist am 10.02.2017 auf Wedge/[PIAS] erschienen.

Konzerttermine:

13.03.2017 München – Kammerspiele
14.03.2017 Berlin – Heimathafen

Links:

Offizielle Webseite

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