Ein langer Weg – Nadine Khouri

Sinnlich, sublim, samten. Mit den drei Adjektiven wird man dem Gesang Nadine Khouris meiner Meinung nach am ehesten gerecht. Bereits 2010 war ich von ihrer EP A Song to the City überaus angetan, hatte die stimmliche Versiertheit hervorgehoben. Und tatsächlich sind gerade einmal sechseinhalb Jahre vergangen, bis man Khouri jetzt endlich zum sehr feinen Debütalbum The Salted Air beglückwünschen darf. Es scheint also nichts gewesen zu sein, was sich einfach so aus dem Handgelenk schütteln ließ. Glücklicherweise ist auf The Salted Air davon gar nichts zu spüren. Souveräne Leichtigkeit und Eleganz durchweht dieses Werk der im Libanon geborenen und nach der Flucht in England aufgewachsenen Singer-Songerwriterin. Khouri gelingt eine nie vordergründige, vielmehr in Gedanken versunkene Platte mit durchaus versonnenen Anwandlungen. Chic und Tiefgang scheinen perfekt ausbalanciert.

Was The Salted Air von herkömmlichen Debüts unterscheidet, ist schnell ausgemacht. Nicht jede Singer-Songwriterin hat das Glück, einen Produzenten vom Schlage eines John Parish zur Hand zu haben. Seine langjährige Zusammenarbeit mit PJ Harvey spricht für sich selbst. Parish ist ein zurückhaltender Veredler, der im Tun immer die Stärken seiner musikalischen Partner im Sinn hat. Eine hervorgehobene eigene Handschrift kann man ihm nicht unterstellen. Und so darf Khouri all die Facetten ihres Könnens anbieten. Der balladeske Opener Thru You I Awaken etwa greift die nahöstliche Tradition herber wie hingebungsvoller Sehnsucht auf. So archaisch-zeitlos dies anmutet, so modern und entspannt kommt dagegen Jerusalem Blue als Piano-Ballade mit souliger Note daher. Während Shake It Like A Shaman mit einem eher dunklen Gospel-Blues besticht, gefällt Surface Of The Sea als vorsichtig optimistischer Folk-Pop. Bei Daybreak vermag man die Nähe des Meers zu spüren und das Salz auf den Lippen zu schmecken. Khouris in jeder Hinsicht makelloser Vortrag hält alles zusammen, erlaubt Parish die Tracks mit viel Liebe zum Detail auszugestalten. Ob Hammond-Orgel, Harmonium, Variophon oder Ukulele, was hier neben der üblichen Instrumentierung so aufgeboten wird, ohne dabei die intime Grundstimmung des Werks zu überfrachten, verdient Bewunderung. Neben den bereits genannten Tracks erweist sich auch You Got A Fire als anbetungswürdig. Wie es sich aus anfänglich gedämpftem Erzählen mit sachten musikalischen Tupfern hin zu einer Hymne entwickelt, gehört zu den stärksten Momenten der Platte. Das finale Catapult, das große emotionale Verstrickungen und Turbulenzen überwindet, schließlich das Ziel erreicht und so zur Ruhe kommt, rundet ein gelungenes Debüt wunderbar ab.

Nadine Khouri hätte fraglos das stimmliche Charisma, ihre Songs mainstreamtauglich und effektheischend auszugestalten. Sie tut sich plakatives Tralala aber nicht an. The Salted Air punktet stattdessen mit Feingeistigkeit. So verlangt das Album vielleicht nähere Betrachtung, belohnt dafür mit verträumter Schönheit. Der lange Weg, den Khouri bis zur Fertigstellung zurückgelegt hat, hat sich fraglos gelohnt. Und an dem Punkt ihrer Karriere, an den sie nun angelangt ist, scheint es an Weggabelungen und den damit verbundenen Verheißungen nicht zu mangeln!

The Salted Air ist am 03.02.2017 auf One Flash Records erschienen.

Links:

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