Gezündeter Turbo – Sofia Härdig

Sich ganz neu zu erfinden, die Lust darauf verspürt man ab und an sehr. Manchmal äußert sich der Wille zur Veränderung in Kleinigkeiten wie einem neuen Haarschnitt oder einem Klamottenwechsel, ab und an jedoch wird umgekrempelt, was sich alles umkrempeln lässt. Dann wird der Job gewechselt, ein brandneues Hobby gesucht, vielleicht sogar der Lebensabschnittspartner in die Wüste geschickt. Ob man nun Sport, Müßiggang oder Tinder für sich entdeckt, all die Korrekturen im Lebenswandel sind meist Ausdruck von aufgestauter Unzufriedenheit. Auch die schwedische Singer-Songwriter Sofia Härdig scheint diesbezüglich auf den Geschmack gekommen zu sein. Ihr Album And The Street Light Leads To The Sea wühlt sich durch das bisherige Schaffen und interpretiert Songs radikal neu. Sie hat den Schlüssel gefunden, der sie aus der dunklen Abgeschiedenheit ihres letzten Werks The Norm Of The Locked Room nun auf die illuminierte Bühne treten und zur Rampensau mutieren lässt. Bereits zuvor konnte man sich den Verweis auf eine PJ Harvey nicht verkneifen. Nun da sie aus dem verwunschenen Kämmerlein gekommen ist und in sattem Bandsound die Bühne rockt, scheint der Vergleich noch angebrachter.

Hatte ich The Norm Of The Locked Room noch eine kraftvolle Aura, die Geheimnisse gleich Schmetterlingen flattern lässt, attestiert, kann man beim neuen Album von im Neonlicht aufgepeitschten Emotionen sprechen. Härdig orientiert sich dabei an starken, aggressiven Musikerinnen wie etwa Peaches oder den Rock- und Punk-Röhren der Achtziger. Es geht ihr dabei nicht nur darum, die Tracks ein bisschen aufzupeppen. Vielmehr entwickeln viele Stücke jene Dynamik, die entsteht, wenn der Turbo gezündet wird. Der besagte Wille zur Veränderung äußert sich in einer ausgesprochen fokussierten Radikalität, mit der Härdig das Scheinwerferlicht entert. Alles Ungefähre ist von ihr abgefallen, geblieben ist ein fast unbändiger Alternative Rock. Besonders augenscheinlich wird dies bei einem Song wie Low And Slow. Während er auf der Vorgängerplatte noch irrlichtert, Härdig dabei ein wenig dumpf und schaumgebremst tönt, gerade so als hätte sie die Nummer in ihrem Wohnzimmer aufgenommen und die Nachbarn nicht stören wollen, wird hier nicht lang gefackelt, ein treibender Rhythmus mit krakeelndem Sprechgesang dargeboten. Streets eröffnet beide Alben, doch während das Lied bei The Norm Of The Locked Room niemals wirklich aus den Puschen kommt, ist es in der neuen Version voller Feuer, voller Fieber. Dieser Wandel hin zur Leidenschaftlichkeit erweist sich als Erfolgsrezept. Der direkte Zugang steht den Songs so viel besser zu Gesicht als die ursprüngliche Hintergründigkeit. The Norm entwickelt sich so zu einer furiosen Wave-Hymne. Das aus ihren Anfängen als Singer-Songwriterin hervorgekramte Little Delight verliert in der Neufassung seinen Lo-Fi-Demo-Charakter, gewinnt dafür an Kraft und Vehemenz.

Veränderung kann – wie eingangs angedeutet – aus angesammelten Frustrationen heraus erfolgen. Je öfter ich And The Street Light Leads To The Sea lausche, desto eher neige ich aber zu einer anderen Schlussfolgerung. Hier wurde nichts vom Zaun gebrochen, eher schon wurde eine Erkenntnis konsequent umgesetzt. Sofia Härdig tut die Rückendeckung durch eine Band nämlich ungemein gut. Sie wirkt befreit. Ihr völlig auf Atemlosigkeit und Unruhe angelegter Gesang schöpft das ganze Potential der Songs aus. Zu der stimmigen Veränderung darf man ihr gratulieren. Härdig vollzieht genau das, was dem Wesen der Veränderung innewohnt, nämlich den großen Schritt vorwärts!

And The Street Light Leads To The Sea ist am 20.01.2017 auf Solaris Empire.

Links:

Offizielle Webseite

Sofia Härdig auf Facebook

SomeVapourTrails

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