Musikvideo: Michael Kiwanuka – Cold Little Heart

Ohne Umschweife möchte ich den Song Cold Little Heart zu einem der Meisterwerke des letzten Jahres erklären. Spät, aber doch ist er mir schließlich vor wenigen Wochen in den Schoß gefallen. Seitdem konnte ich mich an dem zehnminütigen Geniestreich kaum satt hören. Der Brite Michael Kiwanuka ist in den letzten Jahren ja zu einem echten Liebling der Musikkritik aufgestiegen und hat es auch die vorderen Regionen der europäischen Charts geschafft. Diesen Spagat bekommt man mit musikalischer Größe allein nicht hin, dafür muss man durchaus Opfer bringen. So habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass im Februar dieses Jahres ein Radio Edit von Cold Little Heart veröffentlicht wurde, der den Song auf ein Drittel der ursprünglichen Länge eindampft, das lange, famose Intro zur Gänze unter den Tisch fallen lässt. Eine Schande, Asche auf das Haupt des Plattenlabels! Aber muss man sich als Künstler der Gegenwart wirklich noch den Zwängen des konstant an Bedeutung verlierenden Formatradios unterwerfen? Ich meine nicht.

Dieser Tage nun wurde Cold Little Heart, immerhin Opener der tollen Platte Love & Hate, sogar ein Musikclip spendiert. Doch auch dieser traut sich nur 6 Minuten zu. Schade. Aller Spannungsaufbau wird somit in die Tonne gekloppt. Es hat nämlich schon einen Grund, weshalb Kiwanukas Gesang erst nach über fünf Minuten einsetzt. Nach und nach finden all die Instrumente gleich Mosaiksteinen ihren Platz, bestaunt der faszinierte Hörer, wie alles zusammenwächst, warmen und zugleich dramatischen Soul offenbart. Bedauerlich also, dass auch das Video hier Abstriche macht, das überragende Intro auf unter zwei Minuten trimmt. Noch ärgerlich jedoch ist der Umstand, dass die visuelle Umsetzung knapp an der Kongenialität scheitert. Dabei wird vieles richtig gemacht. Etwa die Vorstadtszenerie, eine mit Tre Perry und LaKeith Stanfield stark besetzte Vater-Sohn-Ausgangslage und natürlich eine Kamera, der Bilder voll Aussagekraft glücken. Dem Regisseur David M. Helman könnte man also durchaus auf die Schulter klopfen. Und sei es nur für eine afro-amerikanische Figurenzeichung, die ohne Knarren und der damit meist verbunden Ghetto-Mentalität auskommt. Allerdings vermag der Clip sein Potential nicht zur Gänze realisieren. Zu diffus bleibt das angedeutete Drama, zu höhepunktelos kommt die Geschichte daher. Mit ein bisschen mehr Substanz wäre es ein erinnerungswürdiges Musikvideo geworden. So hingegen verfestigt sich der Eindruck, dass auch dem Film weitere Minuten sehr gut getan hätten. Und so komme ich nochmals auf meine eingangs geäußerte Kritik zurück. Cold Little Heart in seiner zehnminütigen Fassung ist ein Gedicht von einem Song. An diesem sollte schlicht nicht herumgeschnipselt werden!

Love & Hate ist am 15.07.2016 auf Polydor erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Michael Kiwanuka auf Facebook

SomeVapourTrails

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