Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

Dabei besteht Merritts Stärke keinesfalls in großer Kohärenz. Er ist keineswegs der große Erzähler, der eine Geschichte über mehrere Lieder hinweg ausgestaltet. Sein Schaffen erinnert mehr an detailreiche Wimmelbilder, in deren Chaos es viel zu entdecken gibt. Manche der Gegenstände und Figuren mögen kein Interesse wecken, an anderen dagegen kann man sich kaum satt sehen. Und deshalb funktioniert das Prinzip Box-Set so gut. Der werte Herr Merritt kann nach Lust und Laune experimentieren, die ganze Palette seines Könnens aufbieten, vor keinem Experiment zurückschrecken. Am Ende ist das Gesamtbild mit reichlich Kleinoden gespickt. Und Hörer wie Kritiker mehr als zufrieden. Wer in diesem Wimmelbild doch eine grobe Struktur suchen will, wird allerdings sehr wohl fündig. Die ersten 25 Songs der Platte erzählen vom Kindheit und Jugend, neben autobiografischer Färbung finden sich freilich viele zeitgeschichtliche Verweise. Der Stonewall-Aufstand, der Vietnamkrieg, Hippie-Kommunen und das New Age, die goldenen Zeiten der Disco, das AIDS-Drama der Achtziger wären als historische Bezüge zu nennen. Merritt versteht sich zwar nicht als Chronist, da all dies jedoch prägend war, ist es eben wenig verwunderlich, dass die erste Hälfte von 50 Song Memoir neben dem eigenen Schicksal jene spannenden, schicksalshaften und tragischen Zeiten abbildet. ’69 Judy Garland etwa setzt früh im Werk einen schwulen Akzent. Merritts Homosexualität ist allein deshalb erwähnenswert, weil sie sich nie über Außenseitertum oder schrilles Lebensgefühl definiert, vielmehr von herzerwärmender Normalität getragen ist. ’70 They’re Killing Children Over There gerät zum Schnappschuss eindringlichen Vietnam-Protests. Es sind vollendete Momente, wenn Kindheitseindrücke Zeitenwenden einfangen. Merritts Magnetic Fields entwickeln sich hier tatsächlich erzählerisch weiter. Auch ’73 It Could Have Been Paradise und ’74 No als Sittengemälde einer Kindheit in einer sektenhaften Hippie-Kolonie lassen tief blicken. Man vermag den Menschen Merritt ein Stück weit zu begreifen, etwas seinen Atheismus oder den nonchalanten Sarkasmus, der in seiner Kunst aufblitzt. Eine brummig-zärtlich dargebotene Strophe wie „Is there a man in heaven looking out for you/ Is there a place dead loved ones go?/ Is there a source of wisdom that will see you through?/ Will there be peace in our time?/ No.“ findet in der einsilbigen Verneinung eine lakonische Pointe. Dass ein sektenhafter Wunderheiler namens Karmu mit großen Heilsversprechen den Leuten Geld aus der Tasche zog, mag den kleinen Stephin für alle Zeit von Spiritualität geheilt haben. Mit dem discohaften ’76 Hustle 76 beginnen Merritts Teenagerjahre, die ganz im Zeichen musikalischer Erweckung stehen. Die Songtitel sprechen hier Bände. Da wäre einerseits die obligatorische mütterliche Sorge ’79 Rock’n’Roll Will Ruin Your Life, da wäre andererseits der andererseits die Hindernisse überwindende Begeisterung für New Wave, die sich zum Beispiel bei ’81 How To Play The Synthesizer und ’82 Happy Beeping findet. Dass in Songs Bands wie Neu!, Can oder Einstürzende Neubauten erwähnt werden, erinnert übrigens ganz nebenbei an ein Kapitel der Musikgeschichte, als neue Klänge aus Deutschland die Musikwelt verändert haben. Highlight der zweiten CD des Box-Sets ist fraglos das exaltierte, von opernhaftem Gehabe beseelte ’84 Danceteria!. Dieser Abschnitt der Memoiren ist Merritt wunderbar gelungen. Es fällt so leicht sich in diesen Teenager, der seine Bestimmung findet, hineinzuversetzen. Und just in dieser Phase geschieht etwas, das abermals die Brücke zwischen dem eigenen Lebensweg und historischer Dimension schlägt. Die Zeilen „And you’re full of these stupid hormones/ And just then they come out with AIDS“ aus dem Song ’85 Why I Am Not A Teenager leiten einen weiteren Lebensabschnitt ein. Unerwiderte Liebe, verbohrte College-Professoren und eine unter Schwulen grassierende Krankheit türmen sich zu einer Lebenskrise auf. „All the young dudes of 25/ Caught diseases. Few survive“ von ’90 Dreaming In Tetris bringen letzteres Unheil auf den Punkt.

Man muss die Ambition dieses ersten Teils über alle Maße bewundern. Und zugleich bedauern, dass die zweite Hälfte der Memoiren bei Weitem weniger an gesellschaftliche Veränderungen anknüpft. Stattdessen werden die Irrungen und Wirrungen des Lebens abgehandelt. Das wäre eine veritable Enttäuschung, wenn Herr Merritt nicht ein gewaltiges Pfund im Köcher hätte. Liebliche Melodien nämlich, die vor Charme und Eleganz strotzen. Sobald die eigene Lebensgeschichte ins Stottern gerät und angesichts der Weltgeschichte banal wirkt, werden pfiffige Lieder ausgepackt, die so klingen, als hätten sie schon immer im Kosmos der Magnetic Fields existiert. Das lebensfrohe ’93 Me And Fred And Dave And Ted entpuppt sich als veritabler Ohrwurm. Geistreiche Leichtigkeit ist eine Stärke Merritts, er beherrscht sie derart gut, dass man nicht rätselt, weshalb er als Songwriter vorher nie die eigene Wohfühlzone verlassen und Lieder mit gesellschaftlichem Anspruch komponiert hat. Denn er hat es eigentlich nicht nötig. Der Reggae-Track ’94 Haven’t Got A Penny zeigt, was Merritt alles aus dem Ärmel schütteln kann. Seinen barocken Indie-Synthie-Pop beherrscht er aus dem Effeff, aber es ist ihm grundsätzlich jedes Experiment, jeder musikalische Grenzgang zuzutrauen. Von dramatischem Effekt zu Subtilität zu wechseln, fällt ihm ebenso nicht schwer. Auf das elektronisch-fiepende, sich gekünstelt inszenierende ’97 Eurodisco Trio mit den Zeilen „I woke up this morning, and didn’t recognize my bed/ Ever since you left me, I’ve started wishing I were dead“ folgt sogleich die delikate, für Merritts Verhältnis mit ungewöhnlich viel Schmelz dargebrachte Ballade ’98 Lovers‘ Lies. Pittoresk-nostalgisch tut sich ’00 Ghosts Of The Marathon Dancers hervor, mindestens ebenso edel tönt ’02 Be True To Your Bar, eine Hymne auf die Symbiose zwischen Künstlerinnen und ihren bevorzugten Lokalen. Und selbst dann, wenn diese Memoiren zu Beziehungsabgesängen verkommen, will man sich dem nicht entziehen. ’03 The Ex And I oder das herzzerreißende ’05 Never Again offenbaren eine Verletzlichkeit, die man vom smarten Merritt in dieser Form noch nicht gehört hat. Beim dunklen ’09 Till You Come Back To Me fühlt man sich gar ein wenig an Leonard Cohen erinnert.

Just gegen Ende, im vorletzten Song von 50 Song Memoir, wenn man als Hörer bereits meint, alle Synthesizer der Welt gehört, sämtliche Pianos wahrgenommen zu haben, wenn man glaubt, wenn man von der bitteren Süße und schicken Opulenz überwältigt zu sein, zaubert Stephin Merritt eine zu Tränen rührende Rechtfertigung für das monumentale Werk aus dem Hut. ’14 I Wish I Had Pictures mit seinen Lyrics „But I’m just a singer; it’s only a song/ The things I remember are probably wrong/ I wish I had pictures of every old day/ Cause all these old memories are fading away“ spürt die Lebensjahre, die der Maestro inzwischen auf dem Buckel hat, gibt vermutlich auch die Motivation preis, weshalb er sich auf das Unterfangen eingelassen hat. Freilich spricht nichts dagegen, dass Merritt noch noch Jahrzehnte voller Schaffenskraft vor sich hat. Aber der lakonische Reiz und die verschrobene Jugendlichkeit mögen vielleicht mal flöten gehen. Unter diesem Aspekt macht es Sinn, einen Blick zurück zu werfen, solange die Bilder noch eine gewisse Frische aufweisen und keine verklärende Patina aufweisen. Merritt gelingt damit ein echter Coup. Er wiederholt mit seinen The Magnetic Fields das, was eigentlich nicht zu wiederholen ist. Ihm glückt abermals ein Werk, das die Proportionen des Pop in puncto Umfang, Inhalt und Präsentation sprengt. Merritt ist der Mann für Mammutaufgaben. Daran besteht endgültig kein Zweifel mehr!

50 Song Memoir ist am 10.03.2017 auf Nonesuch erschienen.

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