Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

Alle eint eine beredte Stille, in der Auslassungen integraler Bestandteil der Komposition sind. Dies äußert sich unter anderem darin, dass der Gesang manchmal im Gedanken vergrübelt verebbt, so als ob Maria Bay Bechmann nur noch im Geiste weiter singt. Die Zuspitzungen, die Lieder normal ausmachen, scheinen hier bestenfalls angedacht. Jener Zustand tagträumerischer Reflexion ohne rosa Brille überträgt sich auf den Hörer. Dafür sorgen speziell die Tracks, die ich eher als Chanson denn Pop bezeichnen würde. So etwa På Plads, dessen Schwermütigkeit durch stelzende Beats und Scheppern konterkariert wird. Violet strotzt vor einer Atmosphäre der Erweckung, klingt für mich ein wenig nach Sonnenaufgang. Kirkegårdshysteria mit seinen fröhlichen elektronischen Sprenkeln ist ebenfalls gelungen. Solch Lieder werden von schwebenden Tracks wie Vinduet flankiert, dessen steter, sachter Fluss tatsächlich das einhält, was man sich dieser Tage so ersehnt. Entschleunigung und Entspannung! Mens vi falder stille erweist sich als Debüt der leisen Töne, das in seinen schönsten Momenten nicht halb so anstrengend ist, wie es meine Beschreibung eventuell vermuten lässt. Bechmann und ihr Mitstreiter Julius Rothlaender folgen als Vil den Spuren isländischer Künstler, Anklänge an eine Sóley oder auch múm sind durchaus zu vernehmen. Und doch ist dieses Projekt voll an Eigenheiten, setzt einen ganz speziellen Akzent. „Die zehn Stücke behandeln das Schweigen ebenso sehr wie sie die Zuhörer danach fragen, sind eine musikalische Annäherung an die Stille, sie lassen los, lassen fallen, halten inne und bieten einen Raum so groß wie er jedem einzelnen erscheinen möchte.“ konstatiert der Pressetext. Mensch, dann sollte man besser mal alle Selbstfindungsratgeber in die Tonne kloppen und ein Konzert des Duos besuchen! Gelegenheit dazu bietet sich heute Abend in Berlin!

Mens vi falder stille ist am 24.03.2017 auf ListenRecords erschienen.

Konzerttermin:

11.04.2017 Berlin – Bi Nuu

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