Schlaglicht 74: Kevin Morby

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Was macht diese Welt eigentlich, wenn ein Herr Dylan mal auf seiner achtlos auf dem Parkett herumliegenden Nobelpreismedaille ausrutscht und sich das Genick bricht? Spätestens dann wäre das Geschrei nach Reserve-Dylans groß. Doch in diese zugegeben nicht kleinen kompositorischen Fußstapfen zu treten, ist kein leichtes Unterfangen. Seit Jahrzehnten schon haben unzählige Singer-Songwriter zaghafte Schritte in die Richtung unternommen. Kaum einer hat freilich die Siebenmeilenstiefel geschnürt. Kevin Morby ist mit eben jenen an vielen Hoffnungsträgern längst vorbeigewieselt. Bereits vergangenes Jahr hatte ich anlässlich des Albums Singing Saw folgendes konstatiert: „Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist.“

Vielleicht ist die Zeit aber gerade 2017 reif für einen Dylan der Millennials. Morby hätte definitiv das Zeug dazu. In Zeiten, in denen die Welt vor den Trümmern vermeintlicher Gewissheiten steht, braucht es die Art Liedermacher, die sich darauf versteht, sowohl Nabelschau als auch Geschichten mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz feilzubieten. Wer vergangenes Jahr Morbys famosem Song I Have Been To The Mountain gelauscht hat, wird am Potential des US-Amerikaners keinen Zweifel hegen. Und auch der werte Herr sieht seine Zeit gekommen. Wie sonst ließe es sich erklären, dass er ein Jahr nach der letzten Veröffentlichung bereits ein neues Werk namens City Music ankündigt? Mit Aboard My Train und Come To Me Now gibt es bereits zwei Kostproben daraus zu bestaunen. Ersteres rekapituliert aufgekratzt mit ganz viel Dylan-Swag, letzteres entpuppt sich als tiefgängige, eindringliche Ballade der Extraklasse. Solch Vorgeschmack lässt Großes erwarten. Ein Album, das sich in vielerlei Hinsicht am Singer-Songwriter-Übervater orientiert, ist mehr als nur Hommage an die Liedmachertradition. Es beinhaltet vielmehr jenen aufmüpfigen Geist, den es 2017 unbedingt braucht. Vielleicht sogar mehr denn je!

City Music erscheint am 16.06.2017 auf Dead Oceans.

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