Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

Man könnte das alles als Hybris abtun. Oder sich irritiert fragen, wie messbar individueller Geschmack wirklich ist. Die Vorlieben einer breiten Masse punktgenau zu treffen, zählt zu den dankbareren Aufgaben. Ein auf jeden einzelnen Hörer und jede einzelne Hörerin zugeschnittenes Heilsversprechen steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Nun könnte man argumentieren, dass Flow nur das fortschreibt, was Radio begonnen hat. Doch Radio hat nie personalisiert sein wollen, es schielt bis heute auf Zielgruppen. Es betreibt zwar Marktforschung, kann aber nicht jeden einzelnen Hörer kennen. Deezer dagegen merkt sich jeden verdammten Song, den man je gestreamt hat. Es kann sich also durchaus einen Reim über die Vorlieben jedes einzelnen Abonnenten machen. Bleibt also die zentrale Frage: Will man sich wirklich zurücklehnen, wenn es darum geht Musik zu entdecken? Will man alles einem Algorithmus überlassen? Auch ohne Datenparanoia sollte man Zweifel hegen. Weil Geschmacksverfeinerung eine Aktivität ist, durch Neugierde entsteht. Weil das Entdecken neuer Klänge zu einem Aufhorchen führt. Und dies wiederum widerspricht dem Geist von Flow. Neu aufgestöberte Musik ist wie ein Meteoriteneinschlag im Hirn, nicht wie eine Welle, auf die rasch die nächste folgt. Lassen wir uns also von Deezer nichts einreden! Die größten Funde sind bekanntlich die, nach denen man lange sucht, nicht die, die man im Vorbeigehen aufsammelt!

SomeVapourTrails

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