Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan

Ethno-Pop panscht oft das Schlechteste aus Folkore und Pop zu einem unsagbar sülzigen Brei zusammen. Das muss man gerade in der Woche des Eurovision Song Contests mit Schaudern feststellen, selbst wenn folkloristische Elemente 2017 nicht ganz so in Mode scheinen. Dabei kann Ethno-Pop auch ganz anders, sehr wunderbar tönen, wie Yasmine Hamdan auf ihrem neuesten Werk Al Jamilat beweist. Hamdan gelingt ein wunderbar luftiger, in Gedanken verlorener Pop mit feinen elektronischen Akzenten, der frei von dem in arabischen Breiten häufig anzutreffenden Pathos ist. Die Bandbreite dieses Albums reicht von chansonesque-eleganten Lieder wie Douss über auf Rhythmus und Tanzbarkeit fokussierte Stücke wie Balad bis hin zum Electro-Pop-meets-Opera von Ta3ala.

Für die Weltenbürgerin Yasmine Hamdan ist das orientalische Erbe stets viel mehr als Staffage, ihre Musik bekennt sich zu den kulturellen Wurzeln, spürt diesen intensiv nach, kultiviert die Tradition, indem sie sie mit westlichen Stilen verknüpft. „I am interested in exploring encounters where worlds meet, beyond musical genres or musical worlds. I like to find this place where the mix becomes intuitive, and where the encounter with Arabic music becomes effortless.“, beschreibt Hamdan ihre Intention. Und tatsächlich kommt der Gesang in arabischer Sprache mit großer Selbstverständlichkeit daher. Die Leichtfüßigkeit des Vortrags bei La Ba’den würde man eher bei einem entspannten lateinamerikanischen Bossa nova erwarten. Auch bei La Chay fällt der Groschen erst bei genauerem Hinhören. Dieser Dream-Folk bezieht seine Exotik eher durch die Instrumentierung und Akkorde denn durch Hamdans arabischen Gesang. Man könnte die gebürtige Libanesin sogar als Vorreiterin bezeichnen. Sie macht das Arabisch auch für ein nichtmuttersprachliches Publikum zur Gewohnheit, holt es aus der Schmuddelecke oft verkitschter, übertrieben gefühliger Folklore heraus. Als Highlight dieser mit jedem Hördurchlauf wachsenden Platte ist neben den bereits genannten Liedern vor allem der Titeltrack Al Jamilat zu nennen. Als Vorlage dient hier ein Gedicht von Mahmud Darwisch, das von Hamdan sehr pfiffig umgesetzt wird. Der Song ist nah an der Tradition, öffnet sich zugleich für eine Hörerschaft jenseits des Kulturkreises. Ähnlich funktioniert das schon erwähnte Balad, das nahöstliche Harmonien mit dunklen Synthies kontrastiert. Der daraus resultierenden hintergründig wabernden Stimmung mag man sich kaum entziehen.

Yasmine Hamdan verkörpert eine moderne, mit westlichen Einflüssen völlig im Einklang befindliche arabische Musik. Ihr Album Al Jamilat überzeugt durch ein kosmopolitisches Selbstverständnis, das rund um den Globus reist, um schließlich im heimatlichen Beirut Wurzeln zu schlagen. Es mag bedauerlich bis vorurteilsbeladen anmuten, dass man dies im Jahre 2017 überhaupt noch als Errungenschaft formulieren muss. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass derzeit allerorts kulturelle Barrieren eher hochgezogen denn abgebaut werden. Hamdan erweist deshalb sich als hoch veranlagte Brückenbauerin, die schnöden Ethno-Pop zur Kunst erhebt und Menschen aus verschiedensten Lebenswirklichkeiten anspricht. Welch reife Leistung!

Al Jamilat ist am 17.03.2017 auf Crammed Discs erschienen.

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