Letztlich optimistisch – Erasure

Man könnte ja meinen, der Weltuntergang stünde bevor. Alle jammern! Die einen über aufgezwungene Political Correctness, die alle Münder mit Euphemismen zu stopfen droht. Andere wieder über die Wiederkehr reaktionären Denkens, das viele hart erkämpfte und mittlerweile fast als selbstverständlich wahrgenommene Errungenschaften einkassieren möchte. Wie geht man in Zeiten von Trump, Brexit und Terror mit all dem um? Steckt man den Kopf in den Sand, macht auf Party bis zum Sonnenaufgang? Oder übt man sich in eher gedämpfter Stimmung, freilich nicht ohne alle Hoffnung fahren zu lassen? Die britischen Veteranen Erasure haben sich für letztere Variante entschieden. World Be Gone setzt über weite Strecken auf verhaltenen Synthie-Pop, der kaum Glitter oder Fetenlaune versprüht. Dieser nicht erwartbare Umstand macht das Album keineswegs weniger interessant.

Photo Credit: Doron Gild

Selbstverständlich gibt es sie noch, jene Tanzbodenerbaulichkeiten, die Erasure einst groß gemacht haben. Der Opener Love You To The Sky steht in eben dieser Tradition. Ein kräftiger Drum-Rhythmus, altbekannte Synthies mit ein wenig Flitter, herzerwärmende Lyrics und ein sich die Seele aus dem Leib singender Andy Bell. Die sommerliche Romanze wird abendliche Après-Sun-Aktivitäten perfekt begleiten! Diese Leichtigkeit erweist sich zugleich als trügerisch. Schon das nachfolgende Be Careful What You Wish For! lässt Sterne kollidieren und Türme kollabieren, beschwört das Schicksal. „Oh to be alive, it’s a struggle to survive/ From the dark of night will I reach and feel the light“ spart keinesfalls an Melodramatik. Das Duo Bell und Vince Clarke zelebriert eher eine um Bedeutungsschwere bemühte Synthie-Oper als die vertraute, herrlich launige Dancefloor-Beschallung. Auch A Bitter Parting ist keine herkömmliche Nummer. Der mit einer glockenklaren, jugendlichen Stimme gesegnete Bell lispelt sich durch den Refrain. Da sich bei den übrigen Tracks keine gesanglichen Probleme auftun, bleiben nur zwei Schlußfolgerungen. Entweder wurde der Track nach einem Zahnarztbesuch aufgenommen oder aber das – entgegen dem Titel – sehr liebevolle Abschiedslied sollte mit belegter Stimme vorgetragen werden. Was auch immer die Gründe für Bells Zungenschlang sein mögen, sie ändern nicht daran, dass sich A Bitter Parting als das beste Stück der Platte entpuppt. Spätestens bei den Zeilen „And it’s a bitter parting with such sweet sorrow but I guess we’ll be just fine/ And I wish us all a fond farewell but just don’t look back in time/ And it’s a bitter parting and such sweet sorrow, but you’re in my heart entwined“ möchte man Bell vor Rührung in die Arme schließen. Der Abschied ist ein gängiges Thema, aber auf ein solch warmes und versöhnliches Lied hat die Musikgeschichte schon lange gewartet. Still It’s Not Over darf als besorgtes Statement zur Situation der LGBTI-Gemeinde verstanden werden. Und tatsächlich deutet ja viel auf einen Backlash hin, der sexuellen Minderheiten etwa in den USA droht. Nachdenklichkeit bestimmt auch den folgenden Track Take Me Out Of Myself. Zeilen wie „We go in circles repeating old mistakes/ When will we learn how to cry to forgive“ und „Don’t talk to me as if I’m crazy, it’s not the way it’s meant to be/ Please just talk to me as if I’m equal, fear of rejection’s hanging on“ werden von dumpfen Keyboardklängen begleitet, gerade so als wäre die Aufnahmen unter Wasser erfolgt. Dieser Sound mag zur gedrückten Stimmung passen, er ist jedoch zugleich gewöhnungsbedürftig. Für einen Hoffnungsschimmer sorgt das Intermezzo Sweet Summer Loving, das als feierlicher, vor Dankbarkeit strotzender Synthie-Pop eher ins bisherige Repertoire passt, ehe die Chose nochmals ins Politische kippt. Oh What A World seufzt und sieht den Trump an die Wand gemalt, wie die Lyrics „We’ve become borderline obsessive compulsive.“ und „Fell for the propaganda badly.“ belegen. In diesem dunklen Moment ist Clarke seiner Vergangenheit bei Depeche Mode näher als Erasures großen Erfolgen in den Neunzigern. Lousy Sum Of Nothing hat eine ähnliche Botschaft im Köcher, wundert sich, was nun, da die Welt zu lieben verlernt hat, weiter geschehen wird. Das abschließende Just A Little Love gibt eine für das Duo doch absehbare Antwort. Es gilt, sich nicht unterkriegen zu lassen und Liebe zu zelebrieren. Hand aufs Herz, es gäbe für jene Message kaum bessere Botschafter als Erasure! Und gerade bei diesem Song entdecken sie sogar den sträflich vernachlässigten Dancefloor wieder für sich.

Wie beschissen muss es um diese Welt stehen, wenn sogar Vince Clarke und Andy Bell die gute Laune abhanden kommt? Als musikalisches Flagschiff der Schwulenbewegung haben Erasure in der Vergangenheit Großes geleistet. Als Kommentatoren der Weltpolitik wären sie mir zumindest bislang nicht besonders aufgefallen. Eben deshalb World Be Gone ist ein bemerkenswertes Album. Weil es im Angesicht großer Beunruhigung um Fassung und Nüchternheit ringt und letztlich doch optimistisch bleibt. An dieser Gefühlslage können wir uns 2017 allesamt ein Beispiel nehmen!

World Be Gone ist am 19.05.2017 auf Mute erschienen.

Konzerttermine:

28.06.2017 Düsseldorf – Esprit Arena
11.07.2017 Hannover – HDI Arena
19.07.2017 Frankfurt – Commerzbank Arena
22.07.2017 München – Olympiastadion
25.07.2017 Berlin – Waldbühne
26.08.2017 Wien (AT) – Ernst Happel Stadium
29.08.2017 Klagenfurt (AT) – Wörthersee Stadium

Links:

Offizielle Webseite

Erasure auf Facebook

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