Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Das zwei CDs umfassende Livealbum punktet mit einer sympathischen Mischung aus Reggae, Folk-Pop und ein wenig Bluesrock. Es fasst das bisherige Schaffen Rudds zusammen, bietet in knapp 2 Stunden all die Lieder, deretwegen man den Australier ins Herz geschlossen hat. Rudd erweist sich als ausgezeichneter Performer, bei dem die Chemie mit seiner Band stimmt, wie manch lässige Jam-Passage verdeutlicht. Ebenso besitzt er einen Draht zum Publikum, freilich ohne sich einzuschleimen. Sein gewinnendes Wesen ist lauter, sein Engagement authentisch. Und so entsteht ein Abend, der bei allen politischen Aussagen und allem thematisierten Leid dennoch Zuversicht und Gemeinschaftlichkeit versprüht. Wenn man einzelne Tracks des Albums herausgreifen möchte, um einen ersten Eindruck von der Magie der Liveaufnahme zu gewinnen, dann eignet sich dazu zum Beispiel der Reggae-Track Come Let Go, der im Lauf seiner fast neun Minuten hymnische Heiligkeit entwickelt. Rudd schlüpft in die Rolle des Priesters, der Fürbitten vorträgt, die vom Chor der Besucher freudig besungen werden. Solch tiefentspannter Call and Response ist erinnerungswürdig. Nicht minder eindringlich fällt der Song Breeze aus, dem Rudd ein vierminütiges Intro voranstellt, in welchem er die Mitglieder seiner Band vorstellt und ein wenig von seiner Lebensphilosophie darlegt. Wo die Worte ans Publikum bei vielen, vielen Musikern immer auch ein gewisses Maß an Pflichtschuldigkeit beinhaltet, wirkt Rudd ehrlich und inspiriert. Breeze mit seinen Zeilen „And imagine you were dreaming on a bed of fresh green leaves/ And imagine you awoke to a shining sun the good people of the world were free.“ bringt die Faszination Rudd auf den Punkt. Seine Utopie von einer friedlichen, redlichen Welt wirkt so verheißungsvoll, dass man sich ihr ganz und gar hingibt. Wie es auch das Publikum an jenem Abend in Utrecht tut. Beim charmanten No Woman No Cry macht sich endgültig eine Art Glückseligkeit breit. So logisch die Wahl des Songs für einen Rootsmusiker von seinem Schlage ist, bleibt die Fallhöhe trotzdem beträchtlich. Marleys Klassiker allerdings passt lang schon perfekt in Rudds Repertoire. Das akustisch angelegte Cover baut ganz auf Gitarre, Mundharmonika und gut aufgelegtem Piano. Auch der zweite Teil des Konzerts steht dem ersten um nichts nach. Messages mit seiner Öko-Botschaft „So speak out loud/ Of the things you are proud/ And if you love this coast/ Then keep it clean as it hopes/ ‚Cause the way that it shines/ May just dwindle with time/ With the changes it will confront“ steht exemplarisch für Rudds unaufgeregte Attitüde. Ohne jeglichen Alarmismus und frei von Hysterie skizziert er mit der ihm eigenen Lässigkeit seinen Traum von einer besseren Welt. So auch bei Follow The Sun, seinem wohl bekanntesten Song, der in dieser Live-Fassung flotter daherkommt als in der Originalversion. Überhaupt muss man vor Rudd und seinen Tour-Mitstreitern Charles Wall (Drums) und Ant Aggs (Bass, Piano) den Hut zu ziehen. Der Sound, den die drei Herren auf die Bühne zaubern, besticht mal als grooviger Reggae, tönt herrlich bluesig oder bietet allerbesten Singer-Songwriter-Folk. Creancient mäandert über 11 Minuten durch die gesamte stilistische Palette, freilich ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Starke Percussion und Rudds Didgeridoo sorgen für Drive, ehe der Song mit dem Einschub Get Up, Stand Up nochmals auf den großen Bob Marley verweist. Der Mitschnitt endet nicht zufällig mit Spirit Bird. Der Song beklagt all die Verbrechen an den australischen Ureinwohnern, doch mindestens im selben Maße ist er auch eine Huldigung vor einer alten Kultur, die mit ihrer Umwelt lange im Einklang war. Bis das kam, was wir irrigerweise unter Zivilisation verstehen.

Kann uns Musik zu besseren Menschen machen? Wenn man dieser Überzeugung anhängt, beseelt uns Xavier Rudd seit mittlerweile 15 Jahren schon mit Klängen, die das Beste in uns wecken, nämlich Hoffnung, Empathie und Gerechtigkeitsempfinden. Diese Botschaft nicht nur aus dem Studio erschallen zu lassen, sondern in ein Livealbum zu gießen, macht Sinn. Live in the Netherlands fängt die bei Konzerten freigesetzte Magie Rudds perfekt ein. Und man muss sich 2017 längst nicht nur mit dieser Platte begnügen. Im diesjährigen Festivalsommer wird man den guten Mann auf vielen europäischen Bühnen vorfinden!

Live in the Netherlands ist am 21.04.2017 auf Salt X Records erschienen.

Konzerttermine:

21.06.2017 Lyss (CH) – KUFA
23.06.2017 Scheeßel – Hurricane Festival
24.06.2017 Neuhausen – Southside Festival
02.07.2017 Köln – Summerjam
03.07.2017 München – Tollwood
04.07.2017 Wien (AT) – Sunsplash
06.07.2017 Leipzig – Werk 2
07.07.2017 Karlsruhe – Karlsruhe Zeltival

Links:

Offizielle Webseite

Xavier Rudd auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.