Jugendlichkeit als Pfund, nie Mühlstein! – Fazerdaze

Wenn nachdenklicher Lo-Fi-Indie-Pop und der Girl-with-Guitar-Alternative der Neunziger auf eine gewisse Surfer-Girl-Niedlichkeit trifft, dann hält man Morningside in Händen. Der als Fazerdaze firmierenden Neuseeländerin Amelia Murray gelingt ein sehr sympathisches Debüt, das das authentische Lebensgefühl einer Mittzwanzigerin vermittelt. Tatsächlich ist es angenehm zu hören, dass bei allen Beziehungsproblemen, Traurigkeiten, Sehnsüchten und den ewigen Fragen an die Zukunft dennoch nie der Eindruck entsteht, dass das Leben gerade jetzt entschieden wird. Morningside steht ebenso für jugendliche Abenteuerlust wie für die Sorgen des Erwachsenwerdens. Die authentische Frische des Albums macht selbiges zu einem perfekten Soundtrack dieses Frühsommers.

Vermutlich wird anhand zweier Lyrics-Schnipsel besonders deutlich, was die Stimmung der Platte ausmacht. Zeilen wie „Caught in a dream field Jennifer/ Hills rise around us Jennifer/ Do you realise we’re setting alight/ To the fields, to the fields/ Where we wait for our lives“ oder „We are young, so we untie/ We are young, we get tired/ Walking on rooftops, feel so heavy/I could never leave you if you let me try/ Go on and let me try“ wecken Assoziationen zu allseits beliebten Coming-of-Age-Filmen und -Büchern. In den stärksten Momenten beschreibt Morningside einen Zustand zwischen Zaudern und Abenteuer, erzählt von manch Nächten des Grübelns und in allen Gliedmaßen kribbelnder Aufregung über all das, was das Leben an Verheißungen bereit hält. Weiter dominiert die Unsicherheit im Austausch mit nahestehenden Menschen. Wie nur verhindert man, dass einem kostbare Freundschaften nicht durch die Finger gleiten? Wie geht man mit der Flüchtigkeit von Liebe um? Es ist ganz viel, was sich unter der Oberfläche eingängiger Melodien versteckt. Zu den Highlights der Platte zählt das schmissige Lucky Girl, eine Pop-Single wie aus dem Bilderbuch. Vor allem die zweiten Strophe „And the thought of you leaving/ Gets heavier every day/ And my mind is deceiving/ What is it that I’m believing?“ stellt der freudvollen Melodie und dem Happy-go-lucky-Refrain der Nummer ein wenig Stirnrunzeln entgegen. Der Beginn der Platte hat es ohnehin in sich. Auch Last To Sleep, das anfangs auf Gitarre und verhallten Gesang setzt, ehe Drums und Synthie-Geblubber hinzukommen, ist ein markanter und charmanter Track. Das herbe Misread mit verzerrter Gitarre im Anschlag orientiert sich unüberhörbar an female-fronted Acts der Neunziger. Nach diesem starken Auftakt nimmt die Platte Fahrt raus, verströmt sentimentale Melancholie. Der Song Jennifer erzählt vom Ende einer Jugendfreundschaft, wenn sich ganz unterschiedliche Einstellungen zum Leben auftun, die verbliebene Gemeinsamkeit nur noch auf der gemeinsamen Vergangenheit beruht. Wer kennt dies nicht? Auch das zärtliche Shoulders, das mit seinen Zeilen „Waking soft/ Waking slow/ Fading into focus/ Every breath/ Every pulse/ Holding in the moment/ Every fall/ Every rise and fall of your shoulders“ fast als Art Beziehungsyoga durchgehen kann, überzeugt. Gegen Ende von Morningside gilt es, Friends zu bewundern. Wenn es im Refrain nochmals kräftig lärmt, scheint jede Gefahr gebannt, dass man Murrays Tun fälschlich als melancholischen Mädchen-Pop abtun könnte. Allen Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, die man unter Umständen als Stereotype wegwischen möchte, steht eine gehörige Portion Selbstbewusstsein entgegen, die sich immer wieder lautstark entlädt. Gut so!

Amelia Murray macht kein Hehl daraus, dass Fazerdaze als Homerecording-Projekt ins Leben gerufen wurde. Genau jene Alltagsnähe und Intimität sticht hervor. Man mag die Sonnenstrahlen, die während der Aufnahmen in den Raum drangen, ebenso greifen wie die Frustrationen nach einem suboptimalen Tag an der Uni. Morningside macht uns mit einer tollen Songwriterin, Musikerin und Sängerin vertraut, die Pop mit Seele und Pfiff kredenzt. Die hier präsentierte Jugendlichkeit ist frei von Flausen oder gar aufgesetzten Attitüden, sie kennt keine Unreife. Sie wird zum echten Pfund – und nie zum Mühlstein. Wer also jugendlich (geblieben) ist, wird sich diesem Sound nicht entziehen wollen, ihn in diesem Frühsommer ein ums andere Mal aus den Boxen erschallen lassen. Richtig so!

Fazerdaze ist am 05.05.2017 via Grönland erschienen.

Konzerttermine:

20.09.2017 Hamburg – Reeperbahn Festival 2017
21.09.2017 Berlin – Musik & Frieden
29.09,2017 Dortmund – Way Back When Festival

Links:

Fazerdaze auf Facebook

Fazerdaze auf Bandcamp

Interview mit Fazerdaze bei Nicorola

SomeVapourTrails

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