Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

Doch vergessen wir für einen Moment die überraschende Herkunft der Band und schauen uns kurz die Ende April veröffentlichte EP Here Before an, die einen Vorgeschmack auf das später im Jahr erscheinende Albumdebüt geben soll. Ich muss mich doch einigermaßen in Zurückhaltung üben, um nicht völlig ins Schwärmen zu verfallen. Das Lied Flying Saucers fällt in seiner stimmungsvollen Nachdenklichkeit und dem gedämpften, zärtlichen Gesang besonders überwältigend aus. Eine feine Melodie mit für Dream-Pop typischer Gitarre, die in Gedanken verloren hauchende Stimme der Sängerin Julia Sabra, ein sie wunderbar ergänzender Backgroundgesang sowie das die Lieblichkeit begleitende und dramatische Akzente setzende Schlagzeug, all das ergibt in der Summe ein sehr berührendes Stück Musik. Der Song Black and White ist fast ebenso gut, imponiert als zeitlose Twee-Nummer mit ein bisschen Lo-Fi-Charme. Die mehr als nur in Nuancen vorhandenen stilisitischen Unterschiede zeigt auch Bright Lights, wummernder Dream-Pop mit Garage-Note, auf. Diese EP schafft, wovon die meisten Acts nur träumen können. Keiner der fünf Tracks ist nur Lückenfüller. Vom herrlich verzerrten Gitarrenfinale von Revolvers bis hin zu Wide Awake, das sacht os­zil­lie­rend in traumwandlerische Sphären aufsteigt, stets überraschen die Songs den Hörer, bezaubern gleich beim ersten Mal.

Here Before gerät zur Liebe auf den ersten Blick. Dabei besteht der Zweck der EP wohl nur darin, den Merchandise-Stand auf der derzeit stattfindenden Tour durch Deutschland mit etwas Handfestem zu befüllen. Falls sich diese Lieder auch auf dem avisierten Albumdebüt wiederfinden werden, und zwar in Begleitung annähernd ähnlich gelungener Songs, dann werden die Postcards 2017 bleibenden Eindruck hinterlassen. Und zwar garantiert nicht deshalb, weil man ob der (noch) sehr exotischen Herkunft dieser Klänge staunt! Sabras nachdenklicher Liebreiz, das atmosphärisch dichte Spiel ihrer Bandkollegen und ein von zarten, zugleich eingängigen Harmonien geprägtes Songwriting machen die Postcards mit zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Man glaube mir, solch tolle Klänge begegnen einem wirklich nicht alle Tage. Deshalb auf, auf zu den verbleibenden Terminen der Tour!

Here Before ist am 21.04.2017 auf T3 Records erschienen.

Konzerttermine:

08.06.2017 Hamburg – Helter Skelter
09.06.2017 Berlin – Hangar 49
10.06.2017 Duisburg – Folkfestival

Links:

Offizielle Webseite

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