Schlaglicht 76: JOSIN

Motivationscoaches und Lebenshilfegurus werden selten müde zu betonen, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen mit speziellen Talenten ist. Fürs eigene Selbstwertgefühl ist das natürlich Musik in den Ohren, aber zu oft ruht man sich auf solch Komplimenten aus und zu selten bemüht man sich, die individuelle Unverwechselbarkeit tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die Künstlerin, die ich heute hier kurz erwähnen möchte, sticht jedoch in mancherlei Hinsicht hervor. Da wäre zunächst einmal ihre Herkunft. Sie ist als Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen in Köln geboren, ihre Eltern sind beide Opernsänger. Solch Abstammung ist fraglos besonders, allerdings kein Verdienst von JOSIN selbst. Ihre Besonderheit tritt vielmehr in einer ureigenen musikalischen Vision zutage, die sie auf der diese Woche erscheinenden EP Epilogue darlegt.

Was hat der Welt noch gefehlt? Vielleicht eine junge Sängerin, die die Klänge Radioheads mit der Tradition unterkühlter skandinavischer Singer-Songwriterinnen verbindet, dazu noch ein ganz bisschen als Pianowoman nach dem Vorbild einer Tori Amos oder Fiona Apple agiert. Das klingt im Extremfall, also beim grandiosen Track Midnight Sun so, als hätte JOSIN bei den Aufnahmen zu Amnesiac das Studio geentert und Thom Yorke das Mikrofon stibitzt. Ich habe im Zuge dieser Zeilen fast krampfhaft überlegt, ob mir eine Musikerin in den Sinn kommt, die derart offensichtlich und ohne Zweifel überzeugend in die Sphären Radioheads vorstößt. Mir fällt niemand ein. Was JOSIN macht, ist mir in der Form bislang nicht untergekommen. Kammermusikalische Klänge mit Electronica zu verbinden, das ist ein alter Hut, sich an die elegante Verstörung der Alternative-Ko­ry­phäen heranzuwagen und dabei nie Schiffbruch zu erleiden, empfinde ich bemerkenswert. Auch ihr larmoyanter Gesang ist mit Yorke fraglos auf Augenhöhe. Midnight Sun wird man mit schlichtem Staunen am besten gerecht! Feral Thing als dunkler, elfenhafter Electro-Pop ist nicht minder interessant. Unruhigen Beats sorgen für das Flackern in einer sonst spröden Atmosphäre, die von JOSINs entrücktem bis schwermütigem Vortrag noch verstärkt wird. Auch Oh Boy als Pianoballade mit Ambient-Touch ist in seiner nüchternen, kargen Art höchst ansprechend. Welche stilistischen Akzente auch gesetzt werden, alle eint eine introspektive, kontemplative Kraft, die nie aufgesetzt wirkt.

Epilogue zeigt eine einzigartige Künstlerin, die aus der Masse hervorsticht. JOSIN scheint von der nach wie vor pomadigen Betulichkeit der deutschen Musiklandschaft Lichtjahre entfernt. Sie schwebt in Sphären, die keine lokalen Traditionen oder nationale Grenzen kennen. Der Entstehungsort dieser EP könnte Brooklyn, London oder Malmö sein. Aber vor allem tönt so Musik, die kompositorische Finesse, tiefgründiges Sentiment und ganz dezente Ausdrucksstärke besitzt. So viel Talent! So viel unnachahmliche Merkmale! Den Namen JOSIN bekommt man deshalb sicher nicht mehr aus dem Kopf. Man sollte ihr ohne Zögern auf den Wegen folgen, die sie noch einschlagen wird.

Epilogue ist am 02.06.2017 auf Dumont Dumont erschienen.

Konzerttermine:

10.06.2017 München – Puls Open Air
18.06.2017 Mannheim – Maifeld Derby Festival
04.-05.08.2017 Reutlingen – Burning Eagle Festival
18.08.2017 Bergheider See – Artlake Festival

Links:

Offizielle Webseite

JOSIN auf Facebook

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