Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab

Mitteleuropäer werden wohl nicht gerade mit großen Kenntnissen glänzen, wenn die Sprache auf den Senegal kommt. Vermutlich können sich hier Sportfans besonders hervortun, Motorsportfreunde kennen die Hauptstadt Dakar von der gleichnamigen Rallye, auch wenn diese mittlerweile aus Sicherheitsgründen in Südamerika gefahren wird. Das Nationalteam Senegals wiederum überraschte bei der Fußball-WM 2002. Durchschnittseuropäer werden zumindest die französische Kolonialvergangenheit anführen können. Für Schlagzeilen taugt das westafrikanische Land kaum. All seine Probleme wurden in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit 1960 von gravierenderen Krisenherden am afrikanischen Kontinent in den Schatten gestellt. Doch wieder einmal taugt eine afrikanischen Band dazu, ein bisschen in die Höhen und Tiefen eines Landes einzutauchen. Dieses Mal wollen wir uns das Orchestra Baobab ein wenig näher ansehen. Und natürlich auch das jüngst erschienen Album Tribute To Ndiouga Dieng nicht unerwähnt lassen.

Photo Credit: Youri Lenquette

Viele der Mitte des letzten Jahrhunderts unabhängig gewordenen Länder Afrikas einte eine Aufbruchsstimmung, die natürlich auch in der Kunst ihren Niederschlag fand. Ein neues nationales Selbstverständnis gepaart mit panafrikanischen Strömungen führte fast zwangsläufig dazu, dass althergebrachte Traditionen und teils oktroyierte Einflüsse des Kolonialmus noch stärker miteinander verschmolzen. Das gilt auch für das Orchestra Baobab, das einst als Tanzkapelle gegründet wurde, um die bei der wohlhabenden und schönen Jugend beliebten lateinamerikanischen Klänge zu spielen. Rasch entwickelt sich daraus eine Mischung verschiedenster Stile. Kubanische Einflüsse, der Highlife aus Ghana, der kongolesische Rumba eines Franco trafen auf lokale Klänge, etwa von Mandingos mit ihrer Griot-Kultur oder das portugiesisch-kreolische Erbe Westafrikas. Das lebensfrohe Experimentieren mit jenen Sounds passte in eine Zeit, die noch von einem staatlichen und gesellschaftlichen Neubeginn geprägt war. Zum Kern des Orchestra Baobab zählten unter anderem die Sänger Balla Sidibe, Rudy Gomis und Laye Mboup, jeder mit einem eigenen stilistischen Schwerpunkt. Sidibe war für kubanische Einflüsse verantwortlich, Gomis für melancholisch-kreolische Balladen zuständig und Mboup bis zu einem fatalen Autounfall für das Griot-Element. Letzterer wurde durch anschließend Ndiouga Dieng ersetzt. Die Band nahm in den Siebzigern zahlreiche Alben auf und ist aus dem musikalisch für Afrika ungemein spannenden Jahrzehnt in der Rückschau nicht wegzudenken. In den Achtzigern verebbte das Interesse am Orchestra Baobab zunehmend. Ein neuer Mustikstil, der auf die die traditionelle Trommel Sabar aufsetzende Mbalax, machte der rhythmisch auf Congas fokussierten Band zu schaffen. Eine einleuchtende Erklärung der geänderten Mode liefert der Bassist Charlie Ndiaye: „Sometimes I think the success of mbalax was perhaps linked to the phenomen of urbanisation. People left the villages and came to the capital and those people didn’t know how to dance salsa properly. Not even R&B. But the sabar was easy to dance for them. And it was a women’s thing. They loved it and with that, things were decided. Where women go, men will go too, especially in matters of dancing.“

Die ohnehin stets lose Formation fiel Mitte der Achtziger endgültig auseinander. Wohl weil das Prinzip der in einem festen Club engagierten Hausband zunehmend antiquiert war, afrikanische Bands zugleich nie auf enorme Plattenverkäufe hoffen durften. Und nicht zuletzt sollte es noch bis zum Ende der Achtziger dauern bis Weltmusik in der westlichen Welt zunehmend Beachtung fand. Aber gewiss spielten auch sich verändernde politische Verhältnisse im Senegal eine Rolle. Etwa die Konföderation Senegambia, die von 1982 bis 1989 bestand. Oder der 1982 aufkeimende Casamance-Konflikt. Der Senegal dieser Zeit konnte seine Probleme nicht länger als gelegentliche Verwerfungen einer noch jungen Republik abtun. Der die ersten Dekaden noch begleitende koloniale Chic war ebenfalls passé. All dies ließ das Orchestra Baobab in die vorläufige Bedeutungslosigkeit versinken. Doch war damit noch lange nicht aller Tage Abend. Auch wenn manch Mitglieder längst die Musikinstrumente zur Seite gelegt hatten, etwa der Gitarrist Barthelemy Attisso in seiner Heimat Togo als Anwalt arbeitete, so wuchs ab den späten Achtzigern rund um den Globus das Interesse an Weltmusik. Bedurfte es anfangs noch Mentoren, also Stars vom Schlage eines Paul Simon oder Peter Gabriel, die mit afrikanischen Musikern gemeinsame Sache machten, konnten schwarzafrikanische Musiker, man denke an einen Ali Farka Touré, allmählich auch ohne Kollaborationen Aufmerksamkeit einheimsen. Und doch sollte es noch bis zum Ende der Neunziger dauern, ehe die Wiederauferstehung des Orchestra Baobab angedacht wurde. Einer der treibenden Kräfte dahinter war Youssou N’Dour, als junger Hüpfer selbst kurzzeitig Mitglied der Band, ehe er Ende der 1970er seine eigene Kombo gründete und in der Folge nach Frankreich ging. Und wiederum lässt sich der Zeitpunkt der Wiedervereinigung an Veränderungen im Senegal selbst festpinnen. Nach Jahren innenpolitischer Spannungen kam es 2000 zu einem friedlichen, demokratisch legitimierten Machtwechsel mit Abdoulaye Wade als neuem Präsidenten. Man muss wirklich kein Geschichtskenner sein, um die Bedeutung dieses Ereignisses für ganz Schwarzafrika hervorzuheben. Neue politische Zeiten, geänderte Rahmenbedingungen für afrikanische Musiker in der weltweiten Distribution ihrer Alben, all das bedeutete auch eine neue Chance für das Orchestra Baobab.

Anfang des neuen Milleniums wurden die alten Alben neu aufgelegt, Konzerte mit großen Teilen der Stammbesetzung gegeben und mit der Platte Specialist in All Styles ein tolles Comeback gefeiert. Man spielte wieder wöchentlich in einem Club in der senegalesischen Hauptstadt. Die mittlerweile reifen Herren erlebten einen ausgiebig beklatschen zweiten Frühling, wie auch das 2007 veröffentlichte Album Made in Dakar belegte. Das Orchestra Baobab eroberte sich den völlig verdienten Platz in der Weltmusikgeschichte. Und das alles führt uns nun in die Gegenwart, zu der dieses Frühjahr erschienenen Platte Tribute to Ndiouga Dieng. Wie der Titel bereits unterstreicht, ist dieses neue Werk dem Ende 2016 verstorbenen Mitglied Ndiouga Dieng gewidmet. Doch so betrüblich der Umstand auch ist, das Album ist dennoch alles andere als ein Requiem. Die Herren Sänger Sidibe und Gomis sind noch immer bestens disponiert, werden von den beiden Saxofonisten Issa Sissoko und Thierno Koite, dem Bassisten Ndiaye und Mountaga Koite an den Congas wunderbar unterstützt. Neu an Bord ist der Koraspieler Abdouleye Cissoko, der den langjährigen Gitarristen Attisso für diese Platte ersetzt. Wilfried Zinzou (Posaune) und Rene Sowatche (Gitarre), beide aus dem Benin, runden das Orchester ab. Dieses mehrere Generationen umspannende Ensemble hat am Erfolgsrezept wenig geändert. Noch immer stehen die vielfältigen Einflüsse gleichberechtigt nebeneinander. Die Mischung aus kubanischen, karibischen und urafrikanischen Klängen funktioniert nach wie vor wunderbar. Der elegant-geschmeidige Latin-Sound kommt bei Natalia zauberhaft hervor, wird durch ein Saxofon und Kora mit ganz eigenen Akzenten erfüllt. Auch das getragenere Caravana mit seiner gedämpften Traurigkeit besticht. „[It] weds a rhumba-esque bolero to sweet griot soul.“, bemerkt Allmusic dazu. Eine prägnante wie schöne Beschreibung. Und nahezu jedem Track lässt sich ein Kompliment unterbreiten. Fuolo beispielsweise kontrastiert ein troubadouresques Liebeswerben mit launigen Bläsern in Jam-Manier, getragen wird alles von einer beschwingten Rhythmus-Sektion, Kora, Gitarre und Percussion sorgen für eine smoothe Grundstimmung. Da geht einem das Herz auf! Magnokouto dagegen tänzelt auf Zehenspitzen zu sacht prickelnden karibischen Klängen, bietet mit Cheikh Lô einen ebenfalls bekannten senegalesischen Sänger als Gast auf. Einmal mehr sind die Bläser zum Niederknien! Mariama ist im allerbesten Sinne urtümlich und voll karger Schönheit, ganz stark in der Tradition westafrikanischer Griots verhaftet. Es unterstreicht, dass das Orchestra Baobab stets mehr als gefällige Tanzkapelle sein wollte. Ein Anspruch, dem es fraglos genügt! Den Song Sey hat der zweite Gast dieser Platte selbst mitgebracht. Thione Seck, der selbst auf eine beachtliche Karriere zurückblicken kann, kehrt hier zu seinen Ursprüngen zurück. Auch er nutzte in den Siebzigern das Orchester als Sprungbrett für die eigene musikalische Karriere. Eine blendend aufgelegte Band besticht durch zeitlosen Chic im Vortrag, während Seck mit sehnsüchtigem Schmelz in der Stimme zu überzeugen weiß. Ein weiteres Highlight unter lauter Glanzlichtern ist zum Ende Douga, bei dem sich nochmals das feine Zusammenspiel des gesamten Ensembles zeigt. Ob wieselflinke Kora oder herrlich majestätische Saxofone, ob zarte, eingängige Congas oder ein bestrickender gesanglicher Vortrag, alles an diesem Stück berührt Seele und Motorik gleichermaßen.

Zeitlosigkeit statt Nostalgie, mit dieser Attitüde gelingt Sidibe, Gomis und Konsorten ein starkes Spätwerk und ein würdiger Abschied von einem der ihren. Tribute to Ndiouga Dieng ist Ausdruck einer lebenbejahenden Grundstimmung, selbige hat die Formation ja auch zu späten Ehren und einem erfüllten musikalischen Schaffen verholfen. Es mag nicht ausgeschlossen sein, dass dieses Album das letzte mit dem Stamm der Formation ist. Ein Sidibe ist immerhin schon ein rüstiger Mittsiebziger. Doch so sehr man sich weitere Alben mit den bekannten Protagonisten wünscht, so sehr darf man zugleich davon ausgehen, dass dieser unverwechselbare Sound auch von jüngeren Generation fortgesetzt wird. Das Orchestra Baobab steht für ein Stück unverbrüchlicher senegalesische Identität. Es hat sich in letzter Konsequenz von Tiefschlägen und Zeitenwenden nicht unterkriegen lassen. Nicht anderes ist dem gesamten Land zu wünschen!

Tribute to Ndiouga Dieng ist am 31.03.2017 auf World Circuit erschienen.

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