Großstadtsentimente in der Tradition der Großmeister – Kevin Morby

Man tut Kevin Morby vielleicht gar keinen Gefallen, wenn man ihn mit einem Bob Dylan vergleicht. So sehr Morbys Songwriting und erst recht sein gesanglicher Vortrag förmlich danach schreien. Schlicht weil der Eindruck der Epigonenhaftigkeit oftmals einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Aber Morby hat sich diesen Vergleich selbst mehr als verdient, vereint er doch all das auf sich, was speziell den jungen Dylan ausgezeichnet hat. Eine prägnante Beobachtungsgabe, eine facettenreiche Zärtlichkeit, lässige Selbstsicherheit und nicht zuletzt eine gewisse Portion Zorn über gesellschaftliche Zustände. Über solch Talente verfügt man – oder auch nicht. Man wacht jedenfalls nicht eines schönen Morgens auf und entdeckt den inneren Dylan in sich. Dass Morby nach dem letztjährigen Album Singing Saw, dessen Track I Have Been To The Mountain in manch Hinsicht an Bob Dylans Hurricane erinnerte, nun beim neuen Werk City Music eher Großstadtsentimenten und urbaner Coolness huldigt, folgt ebenfalls der sprunghaften Tradition des Großmeisters. Der Titel lässt ein klares Konzept vermuten, beispielsweise eine Liebeserklärung an das Stadtleben im Allgemeinen oder sogar an eine ganz spezielle Metropole. Dennoch ist die Überschrift über diese zwölf Songs eher als kleinster gemeinsamer Nenner zu verstehen. Ja, die Tracks sind allesamt von urbanem Lebensgefühl getragen. Aber nein, sie sind nicht als legendäre Winkel ausleuchtende Hommage an New York zu begreifen. Zumindest nicht im engeren Sinn, vielmehr fühlt man sich auf eine Zeitreise mitgenommen. Doch dazu später mehr.

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Schon der Opener Come To Me Now vermittelt besonderen Flair. Gespenstisch andächtige Orgelklänge, eine stoische wie unrunde Percussion sowie irrlichterndes Flöten verzieren diese Ballade, die von Sehnsucht und Einsamkeit kündet. Lyrics wie „I can’t wait for the sun to go down/ Tired of squinting at this god-awful town/ I can’t wait for that moon to rise/ She’s my friend, always been, you can see it in my eyes/ That I love her/ Yeah, I do/ Oh, I love her/ And she loves me too“ halten jedem Vergleich stand. Nicht minder famos gerät der Track Aboard My Train, der mit viel Dylan-Swag aufwartet. Beide Herren eint ein oft improvisiert wirkender Bewusstseinstroms, der so lässig wie beseelt daherkommt. Wie Morby mit den beiden Zeilen „I have loved many faces, many places/ All aboard my train but depart at different stations“ ein Rekapitulieren aller Gesichter und Begegnungen, die sein bisheriges Leben ausgemacht haben, einleitet, offenbart ein beneidenswertes, unangestrengtes Songwriting. Ein wenig aus dem Rahmen fällt dagegen der Titeltrack City Music. Für einen Moment sind es mal nicht die Lyrics, die im Vordergrund stehen. Zwei Minuten dauert der Aufgalopp, welchen Allmusic mit den Worten „twin guitars snake around in enchanting harmony like Television on morphine“ perfekt zusammenfasst. Allmählich gesellt sich Morbys ein wenig verschlafener Gesang hinzu, alles plätschert dahin, ehe im letzten Drittel fast unvermittelt Leben in die Bude kommt. Was zunächst als eher unausgeschlafenes Lamento beginnt, weicht vorfreudigem Eintauchen in all die Verheißungen der Stadt. Es ist einer dieser Momente, in denen man als Hörer völlig nachvollziehen kann, weshalb Morby diese Platte unter dem Einfluss eines Lou Reed sieht. Mit zunehmendem Verlauf verfestigt sich immer mehr der Eindruck, dass das Album ganz in der Tradition eines New Yorker Lebensgefühls der Siebziger steht. Ob das Draufgängertum des jungen Springsteen bei Greetings from Asbury Park, N.J. oder die verkrachten Existenzen eines Tom Waits oder die Stadtgeschichten eines Billy Joel, ihnen allen eifert Morby zwar nicht nach, aber sein Schaffen ist durchaus in jenem Zeitgeist zu verorten. City Music versucht sich dabei weniger Stadtführer als viele dieser Werke, ist auch nicht um besonderen Lokalkolorit bemüht. Bei der Geburt der New Yorker Punkbewegung wäre Morby aber allzu gern dabei gewesen, wie aus den Verweisen auf Jim Carroll und die Ramones beim Song 1234 hervorgeht. In dieser Hinsicht emanzipiert er sich somit vom großen Dylan, ohne aber gänzlich aus der eigenen Haut zu können. So viele der Vorbilder man auch benennt, sollte man dennoch nicht die ureigenen Qualitäten Morbys aus dem Blick verlieren. Das Lied Pearly Gates besticht als Highlight einer ohnehin tollen Platte. Dem eigenen Ableben versonnen entgegenzublicken, ist eine große Tugend. Und erst recht ist es große Kunst, solch Strophe und Refrain auszuhecken: „And In my time of dying/ You know the choirs will be crying/ Little girls with long hair/ Throwing songs into the air/ And everybody’s taking pictures/ Inside Saint John the Divine/ But me I was just lighting candles/ That hailed every name but mine/ And I was wondering/ On my judgment day/ What I would be wearing/ In line for the pearly gates“ .

Pearly Gates ist auch deshalb das Prunkstück der Platte, weil es alle Stärken Morbys in knapp vier Minuten auf den Punkt bringt. Ein pfiffig instrumentierter Indie-Folk-Rock mit manchmal pastoralen Melodien trifft auf einen verschlumpften bis zärtlichen Vortrag. Diese auf Talent zurückzuführende Qualitäten verdienen Bewunderung. Mindestens so sehr wie der Umstand, dass sich Kevin Morby auch mit den richtigen Leuten zu umgeben weiß. Am Gelingen des Albums hat nämlich sicher der Produzent Richard Swift, der bereits durch seine Zusammenarbeit mit Damien Jurado positiv aufgefallen ist, einen keinesfalls zu unterschätzenden Anteil. City Music, da braucht man nicht lange diskutieren, zählt zu den diesjährigen Highlights des Singer-Songwriter-Genres. Auch weil Morby nie mit Dylan bricht und doch zugleich den musikalischen Bezugsrahmen erweitert. Seinen Werdegang weiter zu verfolgen, ist ohne Zweifel gut investierte Lebenszeit!

City Music ist am 16.06.2017 auf Dead Oceans erschienen.

Konzerttermine:

04.07.2017 Montreux (CH) – Montreux Jazz Festival
05.07.2017 Düdingen (CH) – Bad Bonn
12.11.2017 Köln – Luxor
15.11.2017 München – Ampere

Links:

Offizielle Webseite

Kevin Morby auf Facebook

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