Musikalisches Tohuwabohu (I): Jaga Jazzist, Four Tet, Matias Aguayo & The Desdemonas

Seit Monaten schon komme ich mit dem Aufräumen meines Postfachs nicht mehr nach, es blutet mein Herz, wenn ich teils nur vermuten kann, wie viele hervorragende Klänge wohl darin dahingammeln. Nun könnte ich mich natürlich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass all die Musik auch ohne mein bisschen Zutun ihre Hörer finden wird. Aber mir fehlt halt nach wie vor das Vertrauen in Spotifys Playlist-Algorithmen oder die Unabhängigkeit der meisten Musikmagazine. Und natürlich können auch die sehr geschätzten Bloggerkollegen wie Nicorola oder Coast Is Clear nicht alles alleine stemmen. Daher will ich ab sofort mindestens einmal die Woche das Beste aus dem Kladderadatsch vieler Newsletter und Feeds ohne ganz viel Worte an dieser Stelle auflisten. Möge dies hilfreich sein!

Jaga Jazzist

Vielleicht ist der Begriff mittlerweile aus der Mode und ich habe das nicht mitbekommen, aber ich fand den Genrenamen Nu Jazz stets mit Coolness behaftet. Die norwegische Formation Jaga Jazzist hat sich diesbezüglich so einige Verdienste erworben. Die Band kann schon einige Jahre des Bestehens zurückblicken und hat mit One-Armed Bandit (2010) eine Platte für die Ewigkeit vorzuweisen. Und gerade wenn es um experimentelle Sounds im Allgemeinen und Jazz-Fusion im Speziellen geht, wird der musikalische Zenit oft erst später erreicht als bei schnödem Rock. Darum darf man schon jetzt dem nächsten Werk der Band um Mastermind Lars Horntveth entgegenfiebern. Zur Überbrückung der Wartezeit hat uns Jaga Jazzist nun ein neues Stück spendiert. Prokrastinopel heißt die neue Single, für die der schwedische Gitarrist Reine Fiske als Gast gewonnen werden konnte. Prokrastinopel besticht – wie nahezu der gesamte Output Jaga Jazzists – durch einen funky Groove, der die komplexen Arrangements fast vergessen lässt. Schon allein für diese Finesse muss man die Kapelle lieben. Ihr experimentelles Tun imponiert durch einzigartige Leichtigkeit und eingängigen Charme. Bravo, bitte bald mehr davon!

Prokrastinopel erscheint am 23.07.2017 auf Ninja Tune.

Four Tet

Was wäre die Electronica ohne Kieran Hebden? Als Four Tet hat er schon manch geniales Werk vollbracht. Ich erinnere mich nur zu gut an die helle Freude, die mir beim Entdecken von Rounds (2003) durch Mark und Bein kroch. Umso mehr habe ich mich beim Stöbern in den Archiven des Blogs gewundert, dass ich Four Tet bislang bestenfalls in Nebensätzen gewürdigt habe. Ein Versäumnis! Da kommt es gerade gelegen, dass Herr Hebden einen neuen Track namens Two Thousand and Seventeen am Start hat. Und selten noch hat man eine entschleunigte, weltflüchtige Nummer von edler Schönheit besser vertragen können als in diesem hysterischen 2017. Four Tet kehrt mit dem Track zu seinen Wurzeln zurück. Er fabriziert Downtempo voll pittoresker Beschaulichkeit. Ins Auge sticht speziell die verwendete Dulcimer, eine besondere Zither. Sie gibt der Electronica der Nummer barockes Flair. Kurz gesagt: Wer kostbare Entspannung sucht, wird sie hier finden!

Two Thousand and Seventeen ist am 04.07.2017 erschienen.

Matias Aguayo & The Desdemonas

Der Satz „I know it when I see it“ ist in den USA ein geflügeltes Wort. Er wurde 1964 vom US-Höchstrichter Potter Stewart im Zusammenhang mit dem Ringen um eine Definition von Pornografie getätigt. „I know it when I see it“ hat jedoch auch im Kunstbereich seine Berechtigung. Nicht jeder Reiz, der von Kunst ausgeht, lässt sich haarklein analysieren und in entsprechende Worte fassen. So zumindest geht es mir beim überwältigenden Track Nervous. Klasse ist die Single, die Matias Aguayo & The Desdemonas als Vorgeschmack auf das für Oktober angekündigte Album Sofarnopolis anbieten, aber ich werde vom Gefühl beschlichen, dass ich morgen noch an dem Blogpost sitze würde, wenn ich die Qualitäten von Nervous allesamt aufzählen wollte. So viel ist jedoch sicher, die Stimmung ist zwischen Underground-Grusel und nervenzerrüttendem Varieté angesiedelt. Hier blickt man in ein Vexierbild voller Abgründe, das ganz und völlig in den Bann zu ziehen vermag. Stilisitisch mischt sich divareske Kunstoper mit subkulturellem Achtziger-Synthie, die Gitarre wirkt teils wie aus einem Western entsprungen. Nervous ist packend und grandios. Und gerade weil mir diese Sätze eher unzureichend vorkommen, ziehe ich mich diesmal auf die Erkenntnis zurück: Ich erkenne große Kunst, wenn ich sie höre!

Sofarnopolis erscheint im Oktober 2017 auf Crammed Discs.

SomeVapourTrails

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