Musikalisches Tohuwabohu (II): The Weather Station, Since November, The Belle Game

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

The Weather Station

Woran erkennt man großartiges Songwriting? Unter anderem daran, dass es nicht nur Illusionen bedient. Auch sind Emotionen selten so laut, wie oft vermittelt wird. Die großen Glücksmomente werden in der Realität nur selten von Engelschören und Konfettiregen begleitet. Schlimme Kränkungen haben selten markerschütternde und melodramatische Qualität. Starkes Songwriting muss nicht auf Wirklichkeitsferne und Überzeichung setzen, es vermag auch alltäglichen Betrachtungen Poesie zu entlocken oder sich über das zu definieren, was ungesagt bleibt. Warum ich das so hervorstreiche? Weil der Song Thirty der kanadischen Formation The Weather Station geradezu ein Musterbeispiel für all dies ist. Wirtschaftlichen Niedergang, Ü-30-Lebensentwürfe, die unternehmerischen Erfolg und Familiengründung vorsehen, eigene Versagensängste und eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung, all das muss erst einmal in eine Strophe packen können. „Gas came down/ From a buck-twenty/ The joke was how/ It broke the economy anyhow/ The dollar was down/ But my friends opened businesses/ There were new children/ Again, I didn’t get married/ I wasn’t close to my family/ And my dad was raising a child in Nairobi/ She was three now, he told me“ zeichnet mit wenigen Zeilen ein Bestandsaufnahme, wie sie auch eine Joni Mitchell auch nicht prägnanter hinbekommen hätte. The Weather Station, namentlich Frontfrau Tamara Lindeman, ist ein famoser Song gelungen, der Sorgen wie Glück benennt. Wenn das für Oktober angekündigte Album noch ähnliche Eisen im Feuer hat, wird diese Platte ohne jeglichen Zweifel ein heißer Kandidat für die vordersten Plätze der Jahresbestenlisten sein!

The Weather Station erscheint am 06.10.2017 auf Paradise of Bachelors.

Since November

Aus dem finnischen Helsinki kommt die Formation Since November, deren erste Single Star System tief in die Trickkiste greift. Mit barockem Synthie-Pop wird man dem Track stilistisch am ehesten gerecht. Ein wohltönendes Piano und selige Streicher treffen hier auf versonnenen Indie-Pop elektronischer Prägung. Und sobald ein Vocoder auf erwähnte Streicher trifft, entschwebt dieses Space-Lullaby endgültig in kosmische Sphären. Auch der geschätzte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog wird poetisch ums Herz, wenn sie bei diesem Lied den Sternenstaub stieben sieht. Anhand eines Songs ist eine Einschätzung zwangsläufig Spekulation. Ich für meinen Teil kann mir jedoch sehr gut vorstellen, dass Mastermind Tomi Mäkilä mit Since November die Tradition gelungenen skandinavischen Synthie-Pops fortführt. Vermutlich mit einigen Verweisen auf den französische Weg (Air, Sébastien Tellier). Dass das Projekt jedenfalls mehr als nur eine im eigenen Hobbykeller ausgelebte Fantasie ist, unterstreicht das stilvolle Hochglanzvideo. Kurzum, eine EP oder ein Album würde ich mir jederzeit freudig zu Gemüte führen!

Die Single Star System ist am 26.06.2017 erschienen.

The Belle Game

Und noch eine Formation aus Kanada, diesmal aus Vancouver, gilt es zu bestaunen. The Belle Game haben bereits 2013 mit ihrem Debüt Ritual Tradition Habit zu überzeugen gewusst. Auch das im September erscheinenden Album Fear/Nothing sollte man auf dem Zettel haben. Zumindest der bereits veröffentlichte Track Spirit imponiert als ätherischer Pop voll wohl dosiertem Bombast. Wenn es ein Adjektiv gibt, welches Spirit am besten beschreibt, dann würde ich zu erhebend greifen. Die Band hat ein Händchen für solche Klänge, die dabei aber nie pathetisch oder kitschig anmuten. Welches Potential The Belle Game in Spirit sehen, wird auch an dem ambitionierten Musikvideo deutlich, das dem Song spendiert wurde. Der Clip erzählt von der einzigen Steilwand-Motorradfahrerin Nordindiens, die mit Auftritten auf einem Jahrmarkt ihren Lebensunterhalt bestreitet – und dabei jedoch auch Übergriffen durch ihren Boss ausgesetzt ist. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktionalität sind hier bewusst unscharf gehalten. Dem Regisseur Kheaven Lewandowski ist so ein echtes Kleinod geglückt. Doch zurück zu The Belle Game, die ihr neues Werk wie folgt beschreiben. „Fear/Nothing celebrates the bond between our best and worst. What we hate most in ourselves, our unchangeable aspects versus who we hope to be, and who we really are. It’s about numbness, exhaustion, tenacity, hope and fear.“ klingt wie ein sehr verheißungsvolles Versprechen. Spirit stimmt zuversichtlich, dass das Album solch tiefgängige Qualität tatsächlich entfalten kann!

Fear/Nothing erscheint am 28.09.2017 via Arts & Crafts.

SomeVapourTrails

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