Die Zeiten überdauernd – Lana Del Rey

Ich will gar nicht lange fackeln. Das Album dieses Sommers ist ohne Wenn und ohne Aber Lust For Life. Der unvergleichlichen Lana Del Rey ist eines jener Alben geglückt, das die Zeiten überdauern wird. Noch im Jahre 2047 wird man genüsslich im smarten Heim sitzen und die Urenkel Siris oder Alexas bitten, die Erinnerungen an schöne Zeiten mit diesen Klängen zu untermalen. Und wenn man dann in Gedanken schwelgt, dabei eine Epoche hochleben lässt, die längst vergangen scheint, wird man sich vielleicht daran erinnern, dass man dieses Gefühl doch bereits beim Erscheinen des Albums hatte. Lana Del Rey lässt doch schon hier und heute die Ära der großen Diven auferstehen. Diese wunderbare Kunstfigur hätte auch das Hollywood der Sechziger nicht besser in Szene setzen können. Doch abgesehen von der makellosen Inszenierung, die Del Rey auf jedem Album in eine neue Rolle schlüpfen lässt, ist es ein schlicht überragendes Songwriting, das den Erfolg ausmacht. Hinter dem schönen Schein verbirgt sich verdammt viel Substanz.

Zu Lust For Life wurde wohl schon fast alles gesagt. Selbst der schwerhörigste Blogger und das siechendste Musikmagazin haben bereits ihren Senf dazugegeben. Von daher will ich an dieser Stelle nicht den Papagei mimen und Offensichtlichkeiten wiederkäuen. Ein paar Beobachtungen möchte ich freilich nicht unter den Tisch fallen lassen. Und hoffen, dass sie so nicht bereits allzu oft geäußert wurden. Was mir vor allem ins Auge gestochen ist, sind die Parallelen zwischen dem Jahre 2017 und der ersten Hälfte der Sechziger. So wie einst tobt gerade ein Kampf zwischen aufgeklärtem Fortschritt und reaktionärem Backlash. Wer hätte es vor wenigen Jahren noch für möglich gehalten, dass sich in den USA mit Frauenfeindlichkeit Wahlen gewinnen lassen. Wer hätte geglaubt, dass es in der Gegenwart tatsächlich Frauenaufmärsche braucht, um bereits errungene Rechte lautstark zu verteidigen. Der Vergleich zwischen der Bürgerrechtsbewegung und heutigem Protest scheint angebracht. Nun könnte sich gerade Del Rey, die eben keiner Minderheit angehört, durchaus zurücklehnen und denen die Drecksarbeit überlassen, die mehr zu verlieren haben. Ein Song wie God Bless America – And All The Beautiful Women In It scheut die Positionierung jedoch nicht, taugt zur Hymne gegen die wenig subtile Misogynie unserer Zeit. Der Refrain entmannt den Patriotismus, nimmt ihm das Machotum. Die Worte God Bless America sind in konkreten Fall keine pathetisch geäußerte Selbstverständlichkeit, sie geraten vielmehr zum Stoßseufzer. Auch der Track Change lässt sich in gesellschaftlicher Hinsicht deuten. Natürlich kann man diese reduzierte Pianoballade als ein Ringen um Orientierung und Seelenfrieden interpretieren, die Zeilen „There’s something in the wind, I can feel it blowing in/ It’s coming in softly on the wings of a bomb/ There’s something in the wind, I can feel it blowing in/ It’s coming in hotly and it’s coming in strong“ lassen jedoch Veränderungen abseits der rein persönlichen Ebene als Möglichkeit zu. Speziell die Strophe „Lately, I’ve been thinking it’s just someone else’s job to care/ Who am I to sympathize when no one gave a damn?/ I’ve been thinking it’s just someone else’s job to care/ ‚Cause who am I to wanna try? But“ unterstreicht diese Lesart. Es sticht ins Auge, dass ausgerechnet die Diva des Retro kein eskapistisches, rein auf Liebesleid und Liebesfreud fokussiertes Werk abliefert, sondern edle und nachdenkliche Relevanz beschert. Neben solch Titeln finden sich freilich auch Songs, die dramatische Patina zentimeterdick auftragen. Für solche Stücke muss man Lana Del Rey lieben, zu solchen ist gegenwärtig niemand außer ihr – keine Katy Perry, keine Taylor Swift – imstande. 13 Beaches erzählt von Sehnsucht und Einsamkeit unter den penetrant lauernden Blicken der Paparazzi. Eine Jetset-Göttin in der Sinnkrise, in der Hauptrolle Elizabeth Taylor am Zenit ihrer Ausstrahlung, so müsste der Song standesgemäß bebildert werden. In diesem Moment ist Herzschmerz derart überdimensioniert und in wie für die große Leinwand gemalten Farben abgelichtet, dass man sich der Wirkung nicht entziehen kann. Solch Melodrama lässt sich leicht aushecken, allerdings schwer umsetzen. Außer man verfügt über genau das Format Del Reys! Denn die Nöte der Kunstfigur wirken nie so abgehoben, dass man sie als Luxusproblemchen abqualifizieren könnte. Zugleich laden sie in einen Elfenbeinturm, den man mehr oder minder insgeheim immer schon besichtigen wollte, ein. 13 Beaches ist in seiner Opulenz der Inbegriff von Pop! Selbiges möchte ich auch White Mustang unterstellen. Sommerliche Begierde und Ekstase gespickt mit einer unter dem Motto „Verschwende deine Jugend“ stehenden Abhängigkeit, nach dieser Formel funktioniert der Track. Das Auto, ein weißer Mustang, verfügt über ikonische Qualität. Und natürlich symbolisiert der weiße Hengst auch erotische Potenz – und das nicht zu knapp! Was Lana Del Rey hier auf unter drei Minuten verdichtet, könnte als Stoff für unzählige Streifen dienen. Ähnliches gilt auch für das Lied Love, genauer gesagt für das hierfür gedrehte Musikvideo. Bereits im Februar hatte ich nach Veröffentlichung des Clips diesen wie folgt zusammengefasst: „[D]er Clip selbst ist verdammt reich an Bildern, die das heraufdämmernde Back-to-Nature-Gefühl des Hippietums sowie die Faszination des Space-Age nachempfinden. Die glamouröse Petticoat-Seligkeit mag noch nicht völlig verblasst sein, die Abenteuerlust der Beat Generation scheint dafür jedoch bereits voll entfacht. Das Video zeigt verliebte junge Menschen, die in Diners abhängen und danach ihre Cadillacs in die Wildnis chauffieren, um Sonnenaufgänge in der Wüste erleben. Oder um ein Bad in einem See zu nehmen. Zwei Auffälligkeiten durchziehen den Clip. Eigentlich handelt es sich nur eine vorgebliche Zeitreise. Denn trotz der Optik der Sechzigerjahre hantieren die Protagonisten mit Smartphones, in ihren Oldtimern finden sich digitale Autoradios. Man könnte in dem Musikvideo von Rich Lee also den Wunsch herauslesen, dass heutige Teenager wieder etwas von der damaligen Aufbruchsstimmung verspüren. Ebenfalls ins Auge sticht die spacige Unwirklichkeit, die das Sonnensystem durcheinander wirbelt. Die Erde wird hier zum Zwillingsplaneten, dessen andere Hälfte groß am Himmel prangt. Dieser Aspekt sorgt für Entrückung. Love erzählt von auf diese Weise all den Sphären, die Liebe so zu bieten hat. Den irdischen Freuden und natürlich der Raum und Zeit ein Schnippchen schlagen Träumerei.“

Zeitlupen-Pop! Über diesen Begriff bin ich beim Kollegen Nicorola gestoßen. Tatsächlich kann ich mit dieser Charakterisierung viel anfangen. Über weite Strecken glänzt die Platte mit einem Flair der Entschleunigung, das natürlich ebenfalls aus der Zeit gefallen wirkt. In jenen Moment ist Lana Del Rey so anziehend wie entrückt. Lust For Life wird die Zeiten aufgrund dieser Lieder überdauern, weniger wegen der zahlreichen Kollaborationen, die das Album ebenfalls zu bieten hat. Ohne Zweifel ist der Beitrag von The Weeknd nicht ohne Charme, selbstverständlich gefällt das Duett mit Stevie Nicks, fraglos sorgen die an Bord geholten Rapper A$AP Rocky und Playboi Carti für Modernität und gelungenen Zeitgeist, doch ist bei den Gästen an erster Stelle Sean Ono Lennon zu nennen. Tomorrow Never Came erweist sich als Hommage an John Lennon & Yoko Ono, besticht mit Harmonien im Vintage-Stil und sepiafarbenem Gesang. Aber solche Lieder bleiben letztlich eher zweite Wahl, rücken in den Hintergrund, wenn die werte Diva einen Song wie Heroin anstimmt. Dessen Refrain „I’m flying to the moon again, dreaming about heroin/ And how it gave you everything and took your life away/ I put you on the aeroplane, destined for a foreign land/ I thought that you’d come back again/ To tell me everything’s okay“ ist nur einer von vielen Gänsehautmomenten, in denen die Del Rey das ganz große Gefühlskino in die Erinnerung der Hörer meißelt. Und so hält man eine Platte in Händen, die in Nostalgie schwelgt und mit jedem Ton dazu taugt, einst selbst voll nostalgischer Zärtlichkeit betrachtet zu werden. Del Rey rettet den stilvollen Glamour des 20. Jahrhunderts in das neue Jahrtausend. Diese Leistung wird man ihr noch lange hoch anrechnen!

Lust For Life ist am 21.07.2017 auf Vertigo Berlin erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Lana Del Rey auf Facebook

Ausführliche Besprechung auf Coast Is Clear

SomeVapourTrails

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