Gestrigkeiten für Bildungsbürger? Oh nein! – Kinbom & Kessner

Während ich die letzten Wochen nicht ganz freiwillig eine Blogpause eingelegt habe, haben mich zwei völlig unterschiedliche Alben musikalisch begleitet. Eines davon ist With The Beetles, das bereits zweite Werk des Duos Kinbom & Kessner. Schon das Debüt Lieder von Liebe und Krieg hat mir vor anderthalb Jahren sehr imponiert. Am Ansatz hat sich seitdem nichts geändert. Noch immer beackern der schwedische Gitarrist Fredrik Kinbom und die deutsche Theatermacherin Sonja Kessner ihr ganz eigenes Terrain, das stilistisch zwischen chansonesker Anmut und liedermacherischem Folk angesiedelt ist, thematisch der Tradition des Kunstlieds verbunden scheint. Die Motive Liebe und Krieg, die bereits das Erstlingswerk stark geprägt haben, sind ebenfalls geblieben. All das mag zunächst aus der Zeit gefallen wirken. Über Revolutionen sinnieren doch eigentlich nur verstockte Brecht-Nostalgiker, die Schicksale von Kriegsheimkehrern wirken auch eher in der Mottenkiste der Historie beheimatet. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht wirklich meinen, dass hier einer bildungsbürgerlichen Zielgruppe vor allem Gestrigkeiten aufgetischt werden. Doch wäre das allenfalls die halbe Wahrheit.

Zugegeben, Guillotine oder Soldatengräber sind im Jahre 2017 eine ferne Erinnerung. Und ja, die theatralische Darbietung der Lieder richtet sich an kultiviertere Gemüter. With The Beetles ist in puncto Zeitgeist weitab vom Schuss. In seiner Beschreibung von Leid und Schmerz bringt es vielmehr ins Gedächtnis, was lange schon verdrängt oder schlicht vergessen scheint. Um ein Gefühl für den Flair der Platte zu bekommen, lohnt es, zunächst den auf Englisch vorgetragenen Titeltrack zu betrachten. Die Zeilen „Outside my window there are/ People sleeping with the beetles/ Some of them have a name/ Others just a sex or an estimated age“ lassen die Augen über Gräber schweifen, „There are 250 or more/ And they all fell asleep from the war“ heißt es dann weiter. Dieser Blick aus dem Fenster zum benachbarten Friedhof hin veranschaulicht das, was Krieg eigentlich bedeutet. Krieg raubt Menschen, Zivilisten wie Soldaten, vorzeitig das Leben.  Die Worte „It happened here/ And not that long ago/ It happens now/ And not that far away“ erinnern daran, dass das, was wie ein Relikt ferner Zeit scheint, in anderen Teilen der Erde erschreckende Gegenwart ist. With The Beetles macht so auf wunderbare Weise fassbar, was sonst oft nur ein abstrakter Gedanke bleibt. Nicht minder beeindruckend fällt das Duett Irr Gendwo / Sen Mitt Europa aus. Es schildert eine Flucht aus einem kriegszerstörten Deutschland und Europa, dreht auf diese Weise die Perspektive der gegenwärtigen Debatte um. Mit welchem Bangen würde man aufbrechen? „Man sagt, dass es Brot für die Armen dort gibt/ Und Trost für die Kranken, fein, fein/ Ob man mich flüchtende Fremde dort liebt?/ Und ob man der Fremden ihr Fremdsein vergibt?“ sind Hoffnungen und Zweifel, die man gedanklich umarmen kann. Wie sehr unterscheiden sich solche Zeilen doch von dem in rechtskonservativen Kreisen kolportieren Bild, welches Geflüchtete zu abenteuerlustigen Glücksucher degradiert. Kinbom & Kessner verfügen über das poetische Rüstzeug und die musikalische Finesse, solch Lieder mit subtilem Geschick darzubieten. Sogar jene Momente, in denen die Prämisse deftiger und plakativer angelegt ist, warten mit Überraschungen auf. Guillotine Süße Trine etwa lässt den Traum von friedlichen Revolutionen platzen. Die Guillotine als Sinnbild für blutige Abrechnung umgarnt bei dieser Nummer auf geradezu sinnliche Weise, entfaltet sireneske Magie. Man stolpert hier über eine Ironie, wo man eigentlich Mahnung  oder Betroffenheit vermutet. Die Unabänderlichkeit gewisser Mechanismen wird im fast schlafliedhaften Einschub „Ach, du, armes Menschlein/ Träum doch vom Menschsein/ Träum doch vom Siege ohne mich“ fast höhnisch-mitleidig kommentiert. Kessners gesangliches Erzählen könnte besser nicht ausfallen. Eine Angst, die im Hier und Jetzt kaum präsenter sein könnte, seziert das Lied Sigurd Zuheegen. Die Angst vor Krankheit und Tod, die den Blick für das Leben verstellt, ist ein Luxus, den sich nur eine nicht mit tagtäglichem Überlebenskampf beschäftigte Gesellschaft leisten kann. Der Abgesang auf einen Mann, dessen Fixierung aufs eigene Ableben ihn unempfänglich für alles Schöne macht, ist die Art und Weise, wie Kinbom & Kessner ihren Hörern ein Carpe diem ins Ohr hauchen.

Eine Kunst, die bei allem intellektuellen Anspruch, auch auf der emotionalen Ebene erfahrbar bleibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Ebenso wenig Musik, die sich nicht im eigenen Befindlichkeitstango erschöpft. Kinbom & Kessner gelingt mit With The Beetles  ein anspruchsvolles und wirkmächtiges Album, das vermeintlich unzeitgemäß tief in die Abgründe menschlichen Fühlens abtaucht und in die Dringlichkeiten unserer Gegenwart eindringt. Dieser tollen Platte näher auf den Grund zu gehen, scheint in Zeiten voller Kriegsrhetorik und tagtäglichen Flüchtlingstragödien mehr als nur angebracht!

With The Beetles ist am 16.06.2017 auf Sotones Records erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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