Musikalisches Tohuwabohu (III): Hope, Forest Swords, Jacob Faurholt

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Hope

Düster und archaisch, voll entfesselter Emotion schallt Kingdom aus den Boxen. Der Song der Berliner Formation Hope gibt einen Vorgeschmack auf das für Oktober angekündigte Debütalbum gleichen Namens. Der Promotext geizt nicht mit anschaulichen Vergleichen: „Die Musik der Berliner Band Hope fühlt sich ein bisschen an wie Frost auf der Haut, stellt Haare auf. Irgendwie kann man sie einatmen, riechen, schmecken und fühlen. Dichter flächendeckender Sound, wabernde Synthesizer, noisige Gitarren, dezente Percussion und eine Stimme, die unaufgeregt stellenweise an Björk, Savages oder Karen O erinnert.“

Zugegeben, der Mund wird hier ganz schön voll genommen. Aber zumindest Kingdom besitzt in der Tat verstörende Qualitäten. Der beklemmende und eindringliche Post-Punk weckt in seiner musikalischen wie visuellen Ausgestaltung mein Interesse. Hope tönen von kreativem Fieber und stilistischem Furor gepackt. Ob diese Energie auf Albumlänge zu halten ist? Die Antwort gibt der Oktober. Ich jedenfalls bin sehr gespannt!

Hope erscheint am 20.10.2017 auf Haldern Pop Recordings.

Forest Swords

Eine der meiner Meinung nach bislang großartigsten Platten dieses Musikjahres habe ich den werten Lesern bislang leider völlig unterschlagen. Diese Unterlassungssünde soll an dieser Stelle nun pflichtschuldigst gebeichtet werden. Compassions, das neueste Werk des als Forest Swords firmierende Briten Matthew Barnes, erschafft genau das, was man Musikern vor allem dann flapsig attestiert, wenn man um eine genauere musikalische Einordnung verlegen scheint. Klangwelten nämlich! Ich bin sogar geneigt, Compassions eine dermaßen Bilder inspirierende Kraft zu attestieren, dass Barnes zum Morricone der Gegenwart mutiert. Compassions spottet in vielerlei Hinsicht jeder Beschreibung. Weil es Electronica mit archaischen Ethno-Elementen und klassischen Instrumenten kombiniert. Weil es im Tonfall mitunter an Industrial erinnert, zugleich auch kontemplative Eleganz verströmt. Exemplarisch für die Magie der Platte steht beispielsweise der Track Panic. Ein souliges Gesangssample kontrastiert den sperrigen Sound aus stoischem Chello, eher unrunden, hektischen Beats und sireneskem Gemurmel. Raw Language wiederum setzt im Intro auf jubilierende Streicher, die von einem pochenden Beat gestützt werden, ehe chorale Samples voll feierlicher Exotik einsetzen, unterbrochen nur von recht obskuren Saxofon-Passagen. Bei allem experimentellen Getüftel verliert das Album freilich nie seine Hörer, bietet stets Motive von bestrickender Eingängigkeit an.

Vielleicht ergibt sich ja demnächst mal die Gelegenheit, diesem genialen Werk noch den einen oder anderen gehaltvollen Gedanken zu widmen. So etwa stellt sich mir durchaus die Frage, ob der Sound Compassions den Kern der Postmoderne nicht angemessener repräsentiert, als dies manch futuristische Klänge unserer Tage tun. Forest Swords hat sich mit dieser Platte endgültig in der vorderste Reihe visionärer Soundkünstler etabliert. In den nächsten Monaten kann man Matthew Barnes übrigens auch in hierzulande live erleben. Ein echter Konzerttipp!

Compassions ist am 05.05.2017 auf Ninja Tune erschienen.

Konzerttermine:

26.09.2017 Berlin – Berghain
27.09.2017 Leipzig – UT Connewitz
29.09.2017 Wien (AT) – Waves
10.10.2017 Bern (CH) – Dachstock
11.10.2017 Zürich (CH) – Rote Fabrik
12.10.2017 Hamburg – Uebel & Gefährlich

Jacob Faurholt

Musik des dänischen Singer-Songwriters Jacob Faurholt ist auf diesem Blog seit Jahren schon gern gesehen. Und deshalb habe ich die Ankündigung eines neuen Album dieser Tage freudig zur Kenntnis genommen. A Lake of Distortion soll – laut Verlautbarung- aus fragilen Folk-Songs und verzerrtem Lo-Fi-Pop bestehen. Vor allem mit letzterem knüpft es damit stilistisch an das exquisite Vorgängeralbum Super Glue an. „10 twisted love songs filled with joy and anxiety“ möchte das Werk aufbieten und tatsächlich scheint Faurholt ein echter Meister der zärtlichen Larmoyanz. Sein Gesang ist nicht ohne Wärme, zugleich liegt eine gewisse Verlorenheit und Müdigkeit in seiner Stimme, die speziell zum Lo-Fi-Sound hervorragend passt. Jenen Eindruck bestätigt der bereits veröffentlichte Titeltrack. Der Song A Lake of Distortion kommt melodisch ansprechend daher, ist mit Keyboard und Gitarre ein wenig sämig instrumentiert. Und über allem hallt Faurholts Stimme, die „through a sea of disruption“ schwimmt und „through a desert of longing“ schreitet. Eine Liebe, die sich wünscht, alle Hindernisse zu überwinden, gehört zu den tragischeren Angelegenheiten. Weil zwischen hoffender Sehnsucht und ernüchternder Realität nur ein schmaler Grat besteht. Ich für meinen Teil lasse mich gern überraschen, welche Emotionen Faurholt auf der neuen Platte sonst noch so im Köcher hat!

A Lake of Distortion erscheint am 20.10.2017 via Raw Onion Records.

SomeVapourTrails

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