Es ist niemals zu spät – Jupiter & Okwess

Wir neigen dazu, Lebensentwürfe nach dem Alter ihrer Protagonisten zu beurteilen. Wer zwanzig Jahre zählt, hat quasi einen Persilschein für Unangepasstheit. Mit Anfang dreißig wird Rebellion schon eher als lästige Gewohnheit abgetan, die es tunlichst abzuschütteln gilt. Und wer sich den Konvention und einem vermeintlichen Schicksal mit über 40 Jahren noch widersetzt, ist schräger Vogel und Versager. So zumindest denken die, die selbst rein gar nichts umtreibt, die sich früh intellektueller Bequemlichkeit hingeben. Der Kongolese Jean-Pierre Bokondji ist freilich ein Paradebeispiel dafür, dass  Unbeirrbarkeit auch erst belohnt werden kann, wenn man seinen fünfzigsten Geburtstag längst gefeiert hat. Als Mastermind von Jupiter & Okwess hat er sich erst in den letzten 5 Jahren international hervorgetan, in diesem Sommer ist das zweite Album Kin Sonic erschienen. Man muss sich diese Lebensgeschichte vielleicht kurz näher vor Augen führen, um zu begreifen, was die Veröffentlichung dieser Platte für Bokondji wohl bedeuten mag.

Photo Credit: Micky Clement

Als Diplomatensohn hat er sein Kindheit in Tansania verbracht, wurde als Teenager in der DDR sozialisiert, ehe er Ende der Siebziger nach Kishasa in die Demokratische Republik Kongo, damals noch als Zaire firmierend, zurückkehrte und seitdem als Musiker wirkte. Man könnte nun die Geschichte eines verzogenen Bengels stricken, der sein privilegiertes Elternhaus verließ, auf eine Studium und Karriere pfiff und sich lieber als Lebemann und bunter Vogel durchs Leben schlug. Allerdings wird man damit der Lebensrealität in einem über Jahrzehnte von Diktatur, Kriegen und bitterer Armut geprägten Land kaum gerecht. Bokondji war wie viele afrikanische Musiker mindestens so sehr Überlebenskünstler wie Künstler im eigentlich Sinn. 2006 wurde Bokondji erstmals Aufmerksamkeit außerhalb seines Heimatlandes zuteil. Die französischen Filmemacher Florent de La Tullaye und Renaud Barret drehten eine Dokumentation namens Jupiter’s Dance über ihn, in der er laut Pressetext als „schlaksiger Vogel in einer Generalsuniform wie eine Art Ghetto-Don Quijote“ auftrat, dabei begleitet wurde, wie er alle Widerständen zum Trotz an seiner Musik festhielt. Und dennoch sollten noch einige Jahre vergehen, ehe 2013 das Debüt Hotel Universe erschien. Und 2017 nun spinnt Jupiter, so sein Spitzname, mit seiner Band Okwess diese ungewöhnlich Geschichte weiter. Kin Sonic kann auf illustre Unterstützung zählen. Damon Albarn greift zum Keyboard, Nick Caves kongenialer Helfer Warren Ellis zur Violine, Robert del Naja von Massive Attack hat das Cover gestaltet, die Schauspielerin Sandrine Bonnaire rezitiert bei einem Song aus einem Buch des kongolesischen Autors Zamenga Batukezanga. All das Namedropping bräuchte es nicht, um die Qualitäten des Albums anzupreisen. Doch sagt die prominente Beteiligung viel über die Wertschätzung aus, die Jupiter & Okwess entgegengebracht wird.

So viel zu den Hintergründen, doch was macht Kin Sonic nun eigentlich aus? Ohne Zweifel der forsche, groovige Afropop voller Funk und Rock. Selbstverständlich schimmert auch der Soukous, in Europa fraglos der bekannteste kongolesische Musikstil, durch. Dieser Stilmix erweist sich als Trip durch Raum und Zeit, ihm ist anzumerken, dass Bokondji im Laufe seines Lebens mit vielen musikalischen Stilen in Berührung. All dies entlädt sich nun in einer hochgradig inspirierten Platte. Bereits der Opener Hello sorgt mit gackernden Riffs, deftiger Percussion und teils verdrehter Call-and-Response für einen sehr launigen Auftakt. In einer geschmacksbeseelteren Welt hätte Ofakombolo Despacito als Sommerhit den Rang abgelaufen. Funky und überdreht gerät der Track im von Drums außer Rand und Band eingetrommelten Refrain zum rhythmischen Feuerwerk. Wem hier die Hüfte steif bleibt, wird sich von Musik nie zum ekstatischen Tanz hinreißen lassen! In eine ähnliche Kerbe schlägt Benanga, dessen Sprechgesang eine spöttische, groteske Note anhaftet. Laut Pressetext soll im Text ein König verhöhnt werden, der mit anderer Menschen Geld verschwenderisch umgeht. So klingt die Chose denn auch. Pondjo Pondjo ist ästhetisch anders gestrickt, stellt mit gedämpfteren Stimmung samt Streicherelementen eine erste Abkehr vom energiegeladenen Beginn des Albums dar. Mit Nkoy wird neben all den wundervollen Tanznummern endgültig ein gleichberechtigter, griffigerer düsterer Sound etabliert. Mit diesem Spagat steht Jupiter Bokondji in der Tradition des großen Franco Luambo. Le temps passé sorgt für eine weitere Ausgestaltung der Platte, verlässt sich ganz auf Gitarre und Chor, versprüht Live-Ambiente und wird durch Bonnaires Rezitation veredelt. Trotz dieser Tracks versiegt der Flow und Groove freilich nie, wie beispielsweise das finale Bengai Yo unterstreicht.

Es ist niemals zu spät, sich vor einem breiten Publikum musikalisch zu entfalten. Jupiter & Okwess gelingt mit Kin Sonic ein Schablonen über den Haufen werfendes Album, dessen inhaltliche Tiefe sich europäischen Ohren nur im Ansatz zu erschließen vermag. Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, das Album nur auf seine kunterbunten Rhythmen zu reduzieren. So heiter und ungestüm diese sich auch zu gefallen wissen. Bokondji erweist sich als toller Brückenbauer zwischen afrikanischer Identität und europäischer Rezeption, aufgrund seiner musikalischen Frische darüber hinaus als Mittler zwischen Generationen. Wer solch Kunststück in seinen Fünfzigern schafft, hat im Leben vieles richtig gemacht!

Kin Sonic ist am 07.07.2017 auf Glitterbeat Records erschienen.

Links:

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