Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Lotte Kestner

Man kann mir viel erzählen, einen Bären jedoch lasse ich mir nicht aufbinden, nämlich dass in den vergangenen 20 Jahren ein besserer Dream-Pop als jener von Trespassers William gemacht wurde. Immer wieder weise ich gern darauf hin, dass es die Magie dieser Klänge war, die diesen Blog zum Leben erweckt hat. Leider gibt es die Band schon lange nicht mehr, aber was die Sängerin Anna-Lynne Williams seitdem unter dem Künstlernamen Lotte Kestner fabriziert, kann sich mehr als nur hören lassen! Das gilt auch für ihr neues Werk Off White, das soeben das Licht der Welt erblickt hat. Der Track Ghosts fasst all die Qualitäten Lotte Kestners zusammen. Da wäre zunächst jeder makellose Gesang, der große Intimität und Fragilität ausstrahlt. Nichts scheint leicht über die Lippen zu kommen, alles Fühlen und Grübeln ist von Verletzlichkeit geprägt. Der skeletthafte Sound wird von einem kargen Piano bestritten. Und doch erwächst aus einfachsten Mitteln eine intensive Atmosphäre, für deren Beschreibung man tief in die Schatzkiste jedes Thesaurus greifen muss. Man nehme die Worte gedankenverloren, selbstversunken, weltentrückt und stelle sich all das in einem beklemmenden, zwielichtigen Ambiente vor, dann bekommt man ein Ahnung über das, was Lotte Kestner an emotionalem Tiefgang auffährt. Doch neben all dem stillen Leiden, das eines ihrer Markenzeichen ist, existieren auch hoffnungsvollere Momente. In dieser Hinsicht wäre die angenehme Versonnenheit von In Glass zu nennen. Auch Eight Ball ist eine Offenbarung, weil sich Williams‘ verhallter Gesang wunderbar an diesen sachten Walzer schmiegt.

Überhaupt ist Off White eine Platte, die nach und nach entdeckt werden will. Und da ich mir nicht anmaße, sie bereits nach einigen Stunden verinnerlicht zu haben, werde ich demnächst noch ein paar Gedanken zu dem Werk verlieren. Wer darauf nicht warten will, kann schon mal im stillen Kämmerlein die eigene Herbstdepression kultivieren und mit der regennassen Welt hadern. Den passenden Soundtrack hat uns Lotte Kestner in ihrer unnachahmliche Manier ja einmal mehr beschert!

Off White ist am 01.09.2017 auf Saint Marie Records erschienen.

Widowspeak

Würde ich einen Musikpreis ausloben, es wäre wohl der Mazzy-Star-Gedächtnispreis, den sich Jahr für Jahr jene Band krallen dürfte, die auf gelungenste Weise meiner liebsten Band nacheifert. Auf der diesjährigen Shortlist stünden ohne Zweifel auch Widowspeak. Obwohl ich dem jüngst veröffentlichten Album Expect The Best noch nicht zur Gänze gelauscht habe, lassen einige Tracks bereits so manch Ähnlichkeiten erkennen. Wenn es einen gravierenden Unterschied zu den genannten Heroen gibt, dann wären dies wohl die lebendigeren, weniger schleppenden Rhythmen. Dream-Rock scheint mir daher eine sehr passende Bezeichnung für diese Klänge.  Doch speziell bei The Dream braucht man nicht um den heißen Brei herumreden, die Sängerin Molly Hamilton nimmt sich hier fraglos Hope Sandoval als Vorbild und haucht mehr als nur wacker ins Mikro. Eine atmosphärisch schöne Nummer! Dog dagegen räkelt sich einen Tick zu lieblich im Wüstensand, doch sobald Hamilton ein wenig verloren durch die Gegend seufzt, hat das großen Charme. Let Me hat mir endgültig die Augen geöffnet. Wie der Gesang in ein Sprechen übergeht, da ist das Nacheifern kein Geheimnis mehr. Hätten sich Mazzy Star je ein bisschen in Richtung Indie-Rock bewegt, die eine oder andere grungige Note eingestreut, wäre das Resultat durchaus ähnlich ausgefallen. Widowspeak sind also Epigonen mit eigener Note! Das verdient Anerkennung. Vielleicht sogar den imaginären Mazzy-Star-Gedächtnispreis!

Expect The Best ist am 25.08.2017 auf Captured Tracks erschienen.

HAWK

Sobald man den eigenen Sturm und Drang mal hinter sich gelassen hat, schaut man oft mitleidig auf jene, die noch daran glauben, die Welt noch ein kleines Stückchen verändern zu können. Doch nur weil man selbst daran gescheitert ist, sollte man jugendlichen Eifer nicht als Flausen abtun. Über HAWK habe ich bereits vor 2 Jahren einige Worte verloren. Letztes Frühjahr hat die britische Formation rund um Sängerin Julie Hawk nun eine sehr kräftige, leidenschaftliche EP namens She Knows vorgelegt. Die mittlerweile in Berlin ansässige Band praktiziert einen Alternative, der im einen Moment Feuer und Flamme ist, nur um dann in melodische Grübeln zu kippen. „HAWK combine an abrasive edge with celestial vocals, to create a driving, expansive sound, with activism at its core.“ lautet denn auch der Leitgedanke ihres Tuns. Ein Song wie Take It Away gibt diesen Vorsatz in der Tat her. Julie Hawk fühlt sich die Seele aus dem Leib. Mit jener Art Inbrunst, die noch von der Überzeugung beseelt ist, dass das eigene Tun etwas verändern kann. Take It Away erzählt von Angst, Opfer eines männlich Übergriffs zu werden. Es wagt sich daran, Verunsicherung abzubilden und gegen sie anzusingen. Mindestens genau so stark fällt übrigens Mirror Maze aus, das mit ein wenig mehr Schliff sogar großes Chart-Potenzial besäße. Der Band ist wirklich ein mitreißender Sound zu bescheinigen, speziell Julie Hawk ein Vortrag voll Wallung und Passion. So klingt ein tiefgründiger Sturm und Drang, den man schlicht bewundern muss, selbst wenn man mit diesem Lebensabschnitt aus unerfindlichen Gründen zu früh schon abgeschlossen hat!

HAWK spielen im September Konzerte in Berlin. Etwa heute abends zusammen mit Last Days of Elvis im Schokoladen. Am 28.09. treten sie zusammen mit The Drums im Berliner Lido auf. Mein Rat: Hingehen!

She Knows ist am 17.03.2017 auf Veta Records erschienen.

SomeVapourTrails

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