Welcher Vogel hat denn diese Tracklist verbrochen? – Angus & Julia Stone

Ich meine mich zu erinnern, dass ich auf das australischen Geschwisterpaar Angus & Julia Stone bislang keine Zeile verschwendet habe. Was ich im Lauf der Zeit so aufgeschnappt habe, war zwar stets nett, aber zugleich nichts, was mich aus den Socken gehauen hätte. Eine ähnliche Einschätzung wäre auch dem neuen Album Snow zuteilgeworden, wenn ich mich während der ersten Lieder in der Nähe meines Computers befunden hätte. Denn dann wäre die Chance groß gewesen, dass ich mich in der vorgefassten Meinung bestätigt gesehen und mich dem nächsten Album zugewandt hätte. So jedoch schaffte es die Platte bis zum siebten Track und ab dann hat sie mich tatsächlich um den Finger gewickelt. Auf meinem Schreibtisch türmen sich Alben voll künstlerischem Anspruch, gesellschaftlicher Relevanz und kreativem Potential, Snow ächzt nicht unter solch Erwartungshaltungen und entpuppt sich vermutlich gerade deshalb als echtes Hörvergnügen.

Photo Credit: Jennifer Stenglein/UniversalMusic

Who Do You Think You Are, jener Auftakt zu einer absolut gelungen zweiten Albumhälfte, erscheint mir als der zündende Funke, der mich mit dieser Platte warm werden lässt. Der Song ist einer jener verschlurften Indie-Rock-Tracks, die nicht erst seit The War On Drugs an Popularität gewonnen haben. Who Do You Think You Are klingt ein wenig so, als hätte Angus Stone den Track unmittelbar nach einem Nickerchen eingespielt. Und eben dieser dumpfbassige Rock, der sich noch ein wenig zu recken und strecken scheint und dabei den Schlaf aus den Augenwickeln reibt, ist unwiderstehlich! Ganz anders gestrickt, mit Julia Stone am Mikrofon gerät die nachfolgende Indie-Folk-Nummer Nothing Else. Diese zwei Stücke decken die gesamte Bandbreite dieser Platte ab. Und beim letzteren Track wird auch deutlich, weshalb dem Duo Erfolg beschieden. Julias für sämtliche Arten des Americana geeignete Stimme wird vom feinen Falsett des Bruders wunderbar ergänzt. Eine nicht minder imponierende gesangliche Performance liefert Angus bei Bloodhound ab. Der Song klingt danach, als hätte sich ein Soulsänger eine Bluesnummer geborgt und komplett neu arrangiert. Klasse! Jedes Lied dieser zweiten Hälfte von Snow kommt mit ganz eigenen stilistischen Merkmalen daher. Bei Baudelaire etwa erinnert mich Angus Stone an einen Justin Vernon, wie man ihn etwa bei Volcano Choir erlebt. Diese bittersüße Alki-Beziehungskisten-Hymne ist schlicht grandios, die Rollenverteilung der Geschwister überzeugend. Julia gibt die zärtlich-beschwichtigende Persona, Angus die verkrachte, um Erlösung ringende Existenz. Noch mehr Duett hat nur noch das finale Sylvester Stallone aufzubieten. Hier wird die Tradition klassischer Duette aufgegriffen, der um Verführung bemühte Mann trifft auf eine auf die Bremse tretende Frau. Als modernen Zeiten und einem geänderten Selbstverständnis der Geschlechter angepasste Version von Songs wie Baby, It’s Cold Outside funktioniert das Lied hervorragend.

Doch was ist von den ersten sechs Stücken auf Snow zu halten? Womöglich erschließen sich deren Qualität erst, wenn man den oben angeführten Tracks mehrfach gelauscht hat. Dann gewinnt auch ein Lied wie Chateau mit seinem laid-back Indie-Rock an Reiz. Das Stück fällt deshalb auf, weil es von der Attitüde her jene Nummer ist, die die australische Herkunft am meisten verrät. Cellar Door wiederum beweist auf dem zweiten Blick Radio-Potential. Julias Säuseln passt perfekt zu einem im Refrain luftig-schwülen Sound, in den Strophen dominiert ein sprechgesängelnder, nuschelnder, herber Angus. Man gebe dem Lied ein paar Hördurchläufe in Dauerschleife, dann bekommt man es sicher nicht so schnell aus dem Kopf. Und doch funktioniert all das nur, wenn man aufgrund der zweiten Hälfte bereits eine große Zuneigung zur Platte entwickelt hat. Snow ist, das muss so klar gesagt werden, eine absolute Fehlleistung in puncto Tracklisting. Wer sich jedoch dem Album auf die von mir beschriebene Weise nähert, wird es nicht bereuen. Und vielleicht so wie ich spät aber doch ein Fan von Angus & Julia Stone werden!

Snow ist am 15.09.2017 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

11.10.2017 Köln – Palladium
13.10.2017 Stuttgart – Hegel-Saal
16.10.2017 Luxemburg (LUX) – Rockhal
26.10.2017 Zürich (CH) – Samsung Hall
28.10.2017 Genf (CH) – Arena
29.10.2017 Wiesbaden – Schlachthof
30.10.2017 Berlin – Columbiahalle
03.11.2017 München – Zenith
05.11.2017 Hamburg – Sporthalle

Links:

Offizielle Webseite

Angus & Julia Stone auf Facebook

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